Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Jeder Moment gehört dir (Ich und die Biologie)

So oder anders.

Es war ein nebliger Morgen. Fragen spukten in mir wie Spinnenweben. So kroch ich aus dem Bett und dachte an einen See: Ich dachte viel zu häufig an diesen einen See. Viel. Zu. Die Decke, aus der ich gekrochen war, roch nach Sommerregen. Ein paar andere wuselten schon herum, von Irma wusste ich, dass Gedanken sie nachts beschäftigten und sie dann wie ein Geist durch die Zimmer schlich; Andere genossen, in Decken gehüllt, die Erfüllung der Vision.

Viele hatten sie geteilt. Einige hatten sie gelebt. Sie hatte zu denen gehört, die beides taten: Sie wollte gerne ein Teil der gelebten Vision sein und sich selbst dazu bringen, es zu wollen – das ist ganz wichtig. Etwas hatte in ihr gesteckt, ein Knoten, und sie hatte ihn mehr und mehr gelockert. Etwas in ihr hatte aber Angst vor dem Auflösen, glaubte, der Knoten halte etwas fest, das kaputtgehen könnte, falls dieser nicht mehr da wäre.

So etwas geht ja auch nicht so schnell. Was schnell ging und vorüberging, waren die Jahreszeiten. Kaum fing ich überhaupt erst an, mich über die Blüten des Kirschbaumes zu freuen, da forderten die ersten Erdbeeren meine Aufmerksamkeit. Und die Wildkräuter, die Spinnen, die Mücken, schwupps, der Baum verblüht, der See wartet. Der See.

Wasser. Im Frauenmantel hatten sich Tautropfen verfangen: Ich hätte kotzen können, mir war nämlich schlecht, aber Tau hilft mir da ganz gut. Tau – und E. E ist ein Mensch, er hat einen Körper, und ich weiß gar nicht, was mir an ihm besser gefällt, sein Körper oder dass er ein Mensch ist. Menschen, die gut und gerne zugeben, dass die Menschen sind, das findet man gar nicht so häufig. Ich liebe das Leben.

Was war uns zugestoßen? Ich weiß, es ist Frühling, ich bin das 100%ige Mädchen, und die Zukunft, die sich viele erträumt hatten, ist da. Fehlt noch etwas? Der Kapitalismus ist fort, fort aus den Köpfen. Der Konsumismus hat sich reduziert, selbst dezimiert. Konkurrenzausschlussprinzip: Es war eine andere Denke dort, die in dieselbe ökologische Nische wollte, und sie war konkurrenzstärker. Die andere Denke ist für mich das, was sich richtig anfühlt. Wenn es sich gut anfühlt, tu es doch! Aber prüfe vorher, ob du Widerstandsstimmen erntest, falls du es tust – und ob sich das lohnt, die Waage hält, der Wirkungsgrad deines Glücksgenerators noch hoch genug ist. Der Wirkungsgrad des Glücksgenerators interessiert gerade viele.

Ich laufe also, nachdem ich am Frauenmanteltau genippt hatte, zu unserem Schuppen. Ich weiß, dass er da steht: E.

Auf einmal setzte die Musik ein. Tief, kraftvoll. Bei Musik stelle ich mir immer Bilder vor: Farben, dynamische Formen, Animationen. Diese Bilder sind die Musik. Ich kann sie sonst nicht erfassen, nicht beschreiben. Und diese hatte ein Bild, ein bewegtes Bild, das stark war… Wie, wie soll ich es beschreiben?

Eine runde Wand mit diffusen Rändern, wie aus mahagonibraunem Nebel, die das Sichtfeld von links fast ganz einnimmt, schiebt sich in Richtung oben rechts. Das war ein Akkord.

Solches Zeug denke ich, wenn ich E sehe. Mein Körper macht manchmal Dinge, die mein Bewusstsein nicht nachvollziehen kann. Zum Beispiel kann ich innerlich, mental, ganz ruhig sein, weil ich mich bewusst entspannt habe – und dann beginnt auf einmal mein Herz wie wild zu klopfen. Oder mein, ich weiß gar nicht genau was, das sich in der Mitte meines Körpers befindet, zu kribbeln. Wohl auch das Herz, aber Herzen schlagen doch, die kribbeln nicht, oder wie seh ich das? Das bringt einen ganz schön aus dem Konzept.

E anzuschauen ist, wie sich ein Gemälde anzuschauen. Das schöne ist, dass man es dem Künstler nicht rechtmachen muss und auch seine Intention nicht hinterfragen. Die Evolution als Künstler, die Fortpflanzung als Intention? Die ersten Gedanken beim Betrachten, Aufsaugen der Schönheit? Das gute an Menschenkörpern im Gegensatz zu Gemälden ist, dass sie mit anderen Menschenkörpern kommunizieren können.

Ich berührte ihn. Er hatte auch angefangen, Tautropfen zu sammeln. Ich lachte.

Meine Tapete lachte auch. Ein Hauch von Wahnsinn überfiel uns. Wir genossen das eine Weile, dann besannen wir uns und begannen, Kisten zu stapeln. Jemand von den unzähligen Bewohnern dieser Gemeinschaft hatte sie gestern hergekarrt, wer weiß woher. Die Kisten waren klein und aus Pappe und enthielten je sechs Lehmziegel. Warum man Lehmziegel so extravagant einpacken muss, das ist schon seltsam. Wir leben in keiner Welt, in der man mit Verpackung um sich schmeißen sollte. Der Kapitalismus ist ja weg, wir müssen ja wissen, was wir tun. Was wir brauchen, was nicht. Während ich also die Kisten an die Wand des Schuppens stapelte, Es warme Arme andächtig berührend, dachte ich an Überfluss und Mangel, an Recycling und all das. Mir fiel ein: Die Natur wird so oft als verschwenderisch bezeichnet – man sehe sich nur den blühenden Kirschbaum an! – und doch ist nichts zu viel. Alles hat einen Sinn, kann verwertet werden. Es gibt keinen Müll. Die Destruenten als Müllschlucker zu bezeichnen, ist ja undamenhaft. Sie – die Detritusfresser und die Mineralisierer – machen aus totem organischem Material wieder Stoffe, die Pflanzen mühelos aufnehmen können. So gesehen besteht alles in der Natur aus Müll. Was wiederum heißt, es gibt keinen Müll. Sag ich doch.

1 Kommentar

  1. lesommaer

    Ein wirklich interessanter Text!

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