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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Bahnfahrt, sehr scharf

Gestern habe ich erfahren, dass Bahnfahren sehr anstrengend sein kann.
Eigentlich liebe ich Bahnfahren. Ich kann gar nicht verstehen, warum sich Leute so viel über die Bahn aufregen. Obwohl, seit ich etwas gelesen habe über die Ursachen von Stress, kann ich es schon verstehen. Es gibt ja positiven und negativen Stress. Wenn jemand zum Beispiel eine Hausarbeit schreiben muss und die ganze Nacht durcharbeitet, um fertig zu werden, und das Thema ist doof und der Zeitdruck ist groß, fühlt dieser Jemand sehr wahrscheinlich Stress.

Ein zweiter Jemand tut äußerlich das gleiche, schreibt einen Text bis tief in die Nacht. Aber es ist Kapitel siebzehn seines oder ihres neuen Romans. Die pure Begeisterung, die die Finger über die Tasten fliegen lässt. Ganz ähnlich, und aufregend, den Körper fordernd, aber eben positiv stressig. Stress würde man es gar nicht nennen.
Negativer Stress entsteht oft dann, wenn wir eine Situation nicht unter Kontrolle haben, wenn wir das Gefühl haben, sie nicht beeinflussen zu können. Wenn wir uns ausgeliefert fühlen. Im Stau stehend zum Beispiel, da geht kein Weg dran vorbei, ich kann nichts tun. Der Stress, am unangenehmsten während des Nichtstuns, Energie, die nirgendwo hinkann. Wohin mit dem Stress? Sich aufregen… aufregen über die Bahn, wenn sie Verspätung hat.

Die Bahn. Die Bahn ist eine unglaublich tolle Erfindung. Ich würde mich gar nicht unbedingt darüber aufregen, und immer, wenn es jemand anders tut, denke ich: Seht ihr denn nicht, was für ein tolles Ding das ist? Und erst das Meta-Ding zu diesem Ding! Diese Verkehrsnetze, und überall komm ich hin. Dass das überhaupt geht. In meiner großen Stadt jedenfalls, da komm ich wirklich überall hin. Diese Dinger sind auch immer so pünktlich. Jaja, manchmal nicht, aber so vielfach öfter pünktlich als nicht pünktlich. Das muss total das verrückte System sein, dass das alles so ineinandergreift, denke ich mir manchmal.
Ich mag das ganze Phänomen der Bahn. Die Sitze und Leuchtanzeigen und Linoleumböden. Die Geräusche, wenn die Türen zugehen, diese charakteristische Klangfolge, wenn der Zug an Fahrt aufnimmt. Das sensorische Gesamtpaket ist mir sehr vertraut.

Jetzt muss ich mal zum Punkt kommen, und zwar geht es ja darum, warum es gestern so anstrengend war. Das lässt sich nicht so einfach erklären. Naja, manchmal, wenn ich ziemlich erschöpft bin, möchte ich sehr, sehr gerne für mich sein. Am liebsten an einem Ort, wo es weder hell ist, noch laut, und wo keiner mich stört. Wenn ich dann aber an einen Ort muss, wo viele Menschen sind, wo es hell ist und laut, und noch dazu ruckelt es, dann kann das sehr unangenem werden. Es klingt vielleicht seltsam, aber alles tut in den Sinnen weh. Jedes Gespräch, jedes Rascheln, jede Bewegung neben mir ist unglaublich nah, unmittelbar, sehr laut, sehr intensiv – Reizüberflutung. Ich würde dann am liebsten weg, oder meine Sinne ausschalten. Den Film da draußen ausknipsen. Das kann ich aber nicht, ich muss alles mitkriegen, egal wie unwichtig es ist. Das nennt sich wohl Reizfilterschwäche.

Jedenfalls bekam ich den freundlichen Tipp, es mal mit Chili zu versuchen. Soll helfen, wenn mensch gerade innerlich ausrastet. Das finde ich auch sehr plausibel. Wenn sich mein Inneres gerade in zehn Richtungen zu zerreißen scheint und ich mich am liebsten selbst beißen würde, weil ich nicht weiß, wohin mit der Überforderung, warum nicht lieber ne Chili essen und runterkommen? Dieser starke Reiz, der letztendlich eine Art Schmerz ist, soll helfen, die innere Spannung zu lösen. Klingt alles sehr verrückt, ist es aber nicht.
Chilibonbons wollte ich mir nicht kaufen, deswegen besorgte ich mir getrocknete Chilischoten aus dem Bioladen. Feuerscharf.
Ich hatte ein paarmal probeweise an den Chilischoten geknabbert. Oh ja, die sind sehr scharf. Das ist ein faszinierendes Gefühl. Es wird ganz warm und eine Menge Speichel sammelt sich, und wenn ich ein größeres Stück zerkaue, kommen mir die Tränen. Die Schärfe fährt mir in den Hals, ich muss nach Luft schnappen. Irgendwie total unangenehm, aber sehr schnell wieder vorbei.

Also, ich neige manchmal dazu, unvernünftige Dinge zu tun. In der Bahn, da konnte ich mich eh auf nichts anderes besinnen, ich dachte, auch egal, vielleicht hilft’s ja – bevor ich darüber nachdenken konnte, nahm ich eine Chilischote und steckte sie in den Mund und zerkaute sie schnell. Ich beobachtete neugierig, wann die Empfindung einsetzen würde.

Hehe. Das war scharf.
Zum Glück saß niemand neben mir. Ich wand mich und atmete tief und geräuschvoll ein. Drückte mich in den Sitz und wusste nicht, wohin mit dem Schmerz. War bestimmt ziemlich undamenhaft. Aber egal.

Was mir übrigens wirklich geholfen hat, mit den Reizen in der Bahn umzugehen, war Musik. Klassik hatte diesmal nicht funktioniert, also probierte ich Punk. Ich setzte dem überflutenden Außen etwas Vertrautes entgegen und konzentrierte mich ganz auf das Lied. Was für ein Genuss… Ich schloss die Augen und gab mich dem ganz hin. Alles draußen war mir egal. Diese Lieder hatte ich zuvor nie so intensiv gehört.

Ich mag Bahnfahren. Es ist geschenkte Zeit. Ich kann sie nutzen, wie ich mag, und niemand erwartet überhaupt, dass ich sie nutze – zum Beispiel für ein privates Forschungsprojekt zum Thema Reizüberflutung – und das ist das Schöne daran.

1 Kommentar

  1. Ute Iris Fischer

    25. November 2017 at 20:05

    Hey undjetzterst,
    Deine Beschreibung der Sinne ist super nachzuempfinden. Meine nächste Bahnfahrt werde ich mit Deinen Augen (und meinen Sinnen) antreten. Danke!

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