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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Was ist Neurodiversität?

Boah, bin ich aufgeregt, weil ich dieses Thema so mag! Wie fang ich bloß an?
Nun ja. Biodiversität kennen wir alle als Begriff: Viele Arten auf einem Raum. Je mehr, desto besser, meistens jedenfalls, denn das macht das Ökosystem wiederstandsfähig – und überhaupt, ist biologische Vielfalt nicht auch ein Wert an sich?
Neurodiversität bedeutet analog: Neurologische Vielfalt. Also: Viele unterschiedliche Gehirne auf einem Raum. In diesem Fall, in der Gesellschaft.

Gehirne, okay, was will ich mit Gehirnen? Und überhaupt: warum fetzt das Thema so?
Wir Menschen werden alle mit unterschiedlichen Körpern geboren. Logischerweise auch mit unterschiedlichen Gehirnen. Das menschliche Gehirn ist eine der komplexesten Zusammenknäuelungen von Materie, die auf der Erde bekannt sind – und jedes ist einzigartig. Dass wir unterschiedliche Gehirne haben, merken wir natürlich. Manche von uns sind besser mit Sprachen, andere besser im räumlichen Vorstellungsvermögen, manche haben Synästhesie, andere können sich selbst die Gesichter ihrer Nachbarn nicht merken, wieder andere können Zauberwürfel in Sekunden lösen, und und und. Manche werden blind geboren, obwohl die Augen intakt sind, manche haben ein absolutes Gehör. Manche können keine richtigen Worte bilden, manche haben eine überaktive Fantasie. Manche brauchen ständig „den Kick“, manche sitzen lieber selbstzufrieden in der Ecke und spielen mit einem Lichtstrahl. Ja, so unterschiedlich sind wir.

Ich sehe bereits voraus, dass die Frage aufkommt: Ist das alles nicht vielmehr erlernt als angeboren? Puh, ich bin diese Debatte echt leid, aber na gut, der Vollständigkeit halber…
Es ist so, in sehr vielen Situationen und über die Geschichte der Psychologie hinweg kommt immer wieder dieses Hin-und-Her auf: Erziehung oder Natur? Umwelt oder Gene? Erlernt oder angeboren?
Ich habe festgestellt: Diese Frage ist falsch gestellt – es gibt kein „oder“, nur qualitativ unterschiedliche Varianten des „und“. Unsere Persönlichkeit und unser Gehirn sind starr und plastisch zugleich. Fest steht, die Eigenschaften des Gehirns bedingen unsere Persönlichkeit – und welche Proteine und Strukturen in unserem Gehirn wo synthetisiert werden, ist zunächst genetisch bedingt. Zunächst. Denn unser Gehirn ist unglaublich anpassungsfähig. Das macht uns als Menschen aus, ist unser großer evolutionärer Vorteil. Es ist so, dass manche unserer Eigenschaften – die zuvor aufgezählten etwa, oder ob wir eher introvertiert oder extrovertiert sind, beispielsweise – uns unser ganzes Leben lang begleiten. Auch wenn manche vielleicht einen Prozess durchgemacht haben, nach welchem sie sagen: Jetzt bin ich ein völlig anderer Mensch!, wird es trotzdem etwas geben, das stabil und erhalten bleibt – plötzliche Persönlichkeitsänderungen wären dem Umfeld eher stark unheimlich. Auch beim Körper ist es so. Wir können uns äußerlich „völlig verändern“, meinetwegen durch eine Super-Detox-Kur oder so – aber gewisse Grundeigenschaften bleiben, machen uns aus und begleiten uns.
Beide dieser Facetten sind faszinierend: Einerseits, wie Gene und Vererbung unsere Persönlichkeit entstehen lassen – andererseits, wie viel Veränderung tatsächlich möglich ist. Durch das Lernen, durch neue Erfahrungen, verändern sich Strukturen im Gehirn, denn dazu ist es ausgelegt. Chronischer Stress etwa kann dazu führen, dass bestimmte Bereiche weniger aktiv sind; bei Angstpatienten ist das Angstzentrum vergrößert. Man hat auch herausgefunden, dass bei Menschen, die viel meditieren, Bereiche dichter und größer sind, die für die Aufmerksamkeitsregulation, die Emotionsregulation und die Körperwahrnehmung zuständig sind. Sogar die Hirnströme im EEG sind anders. Faszinierend!

Zurück zur Neurodiversität.
Also, ich mag mein Gehirn. Es trägt maßgeblich zur Neurodiversität in meinem Umfeld bei. Denn bei mir funktioniert einiges an Wahrnehmung und Verarbeitung natürlicherweise anders als bei den meisten anderen. Das heißt nicht, dass mein Gehirn besser oder schlechter ist als andere, noch, dass ich etwas Besonderes sein will oder so – schon gar nicht will ich, dass es als Ausrede oder Entschuldigung verstanden wird. Es ist einfach nur Fakt, fasziniert mich aber gerade enorm.
Das Symbol der Neurodiversität ist ein Spektrum. Oft wird es in der Autisten-Community verwendet. Autismus ist so eine angeborene Variante von Gehirn und Persönlichkeit; zu behaupten, die autistischen Besonderheiten wären Erziehungsfehlern, Traumata oder falsch erlernten Mustern geschuldet, wäre hochgradig diskriminierend. Deshalb ist obige Unterscheidung der Ätiologie einer Persönlichkeit so unglaublich wichtig und unter anderem deshalb habe ich das beschrieben.
Vielleicht hat die eine oder andere Person schon etwas vom Autismus-Spektrum gehört. Man nennt es deshalb so, weil Autismus sehr viele verschiedene Formen haben kann. Die Bezeichnungen „frühkindlicher Autismus“ oder „Asperger-Syndrom“ sollen im neuen „Katalog psychischer Besonderheiten“ (ich nenn das manchmal so, heißt aber eigentlich DSM-5 oder ICD-11) nicht mehr verwendet werden, es ist dann alles ein Spektrum. Zur Anschaulichkeit lässt sich aber ungefähr sagen, dass „auffälligere“ Formen des Autismus, etwa frühkindlicher Autismus, im einen Ende des Spektrums liegen, weniger auffällige Formen (wie das Asperger-Syndrom oder auch nur autistische Persönlichkeitszüge) im anderen Ende.
Ich weiß dabei zugegebenermaßen nicht genau, wie ich mich so ausdrücken soll, dass alle Autisten sich damit identifizieren können. Das Ding ist, viele mögen es überhaupt nicht, wenn Menschen von „leichtem“ oder „schwerem“ Autismus reden, was ich verstehen kann; auch die Einteilungen in „High-Functioning“ und „Low-Functioning“ finden viele diskriminierend. Deshalb habe ich von „auffällig“ und „weniger auffällig“ gesprochen.

Gut. Was zählt noch zur Neurodiversität, außer Autismus? Ach, da könnte ich jetzt vieles aufzählen. Das ganz „durchschnittliche“ Gehirn etwa, mit toller Reizfilterfunktion und sozialer Durchblicks-Wunderfähigkeit, und von wegen „ich plane etwas, ich führe es auch aus“ (das nennt sich Exekutive Funktionen). Solche Menschen, die sich nicht im Katalog psychischer Besonderheiten wiederfinden, werden auch gern als „neurotypisch“ bezeichnet. Dann gibt es noch Menschen mit AD(H)S oder Tourette-Syndrom, die sich tendenziell auch mit dem Neurodiversitäts-Gedanken verbunden fühlen. Die Sache lässt sich natürlich noch weiterspinnen: Was ist eigentlich Krankheit, was Neurodivergenz? Wie sieht es beispielsweise mit Persönlichkeitsstörungen aus? Oder mit Ängsten und auffälligen, meist leidvollen Besonderheiten der Stimmung? Ich glaube, ob jemand die eigene psychische Besonderheit als Krankheit, Behinderung oder Neurodivergenz sehen will, ist eine sehr persönliche Entscheidung.
Meinem Gefühl nach ist es dafür nicht wichtig, ob jemand eine Diagnose hat, zum Arzt geht und Medikamente bekommt, oder regelmäßig zur Therapie geht – wer sagt, dass ich deshalb krank bin? „Gesund“ und „krank“ zu definieren, ist gar nicht so einfach und ich glaube, dass muss jede Person für sich selbst tun.
Ich habe schon darüber nachgedacht und eine Definition für Gesundheit gefunden: Gesund fühle ich mich, wenn ich Sinn und Freude empfinden kann, wenn ich mich anderen Menschen nah fühlen kann – und das war es auch schon.

Ich empfinde manchmal schon einen gewissen Stolz auf meine Persönlichkeit (Klingt etwas vermessen, ja, aber es gibt z.B. tatsächlich eine Autistic-Pride-Bewegung). Oder vielleicht ist „Stolz“ das falsche Wort, und ich freue mich einfach, ich zu sein. Natürlich nicht immer – manchmal gibt es so Tage, wie damals in der Bahn, da wünschte ich mir einfach nur, ich hätte keinen so anstrengenden Kopf. Wünsche es mir von ganzen Herzen, verdammt, so sehr, einfach mal einen Tag normal zu sein und dass mir alles so leicht fällt wie den anderen Menschen um mich herum. Mein Kopf fordert immer wieder meine Aufmerksamkeit; ich muss einiges beachten, manches auch erklären, und mir zu Dingen Lösungen überlegen, über sie sich andere nie Gedanken machen mussten. Und es ist natürlich ernüchternd zu wissen, dass ich das Level an Normalität, das andere haben, nie werde erreichen können – ich kann höchstens so tun, als ob, und ob dieser Anstrengung kaputtgehen.
Ich habe beschlossen, dass es besser ist, meine Energie anders aufzuteilen: Ich will Gutes tun. Alle Energie darauf zu verwenden, nicht aufzufallen – sich zu zwingen, all das zu tun, von dem ich denke, es sei notwendig für den Anschein von Normalität – das macht, glaube ich, keinen Sinn. Ich rede nicht davon, sich überhaupt nicht mehr anzupassen – sich anpassen, Rücksicht nehmen, auf angemessenes Verhalten achten, das tun wir alle. Was diese Dinge genau bedeuten und wo die jeweiligen Grenzen sind, das muss ich noch herausfinden.

Psychische Besonderheiten können als Behinderung gesehen oder erfahren werden. Was mich extrem stört, ist, wenn diese Besonderheiten als etwas gesehen werden, das krank ist, das geheilt werden muss, das nicht sein darf, das keinen Platz hat. Gut, wenn sich jemand wirklich krank fühlt und leidet, zum Beipiel an einer Depression, ist die Sache für mich klar: Ich würde am liebsten irgendein tolles Extrakt erfinden und der Person helfen. Wie sieht es aber z.B. mit Autismus aus (das Thema ist gerade sehr „in“, wie mir scheint)? Die Szene hat einiges dazu zu sagen.
Viele Autisten finden, es macht wenig Sinn, Autismus heilen zu wollen. Einerseits ist es schwer vorstellbar, dass das jemals funktioniert, da Autismus so mit der eigenen Persönlichkeit verankert und verwoben ist und so viele Facetten des Seins betrifft. Andererseits leiden viele Autisten gar nicht darunter, dass sie Autisten sind, sondern darunter, dass ihr Umfeld sie nicht versteht. Ich kann bestätigen, dass unsere Welt nicht gerade autistenfreundlich ist. Auf Menschen, die sehr reizempfindlich sind, wird beispielsweise oft überhaupt keine Rücksicht genommen und Autisten sind dadurch von manchen Dingen ausgeschlossen oder einem enormen Stress ausgesetzt. Dasselbe mit der Kommunikation: Viele Autisten sind nicht so wahnsinnig gut darin, sich mit Leuten zu unterhalten oder überhaupt zu verstehen, was andere meinen. Soziale Interaktion generell kann sehr schwierig für sie sein. Wenn man sich allerdings Ausschreibungen für Minijobs oder was auch immer anschaut, stehen Dinge wie „teamfähig“, „kommunikativ“, „flexibel“ und „belastbar“ meist an oberster Stelle. Naja, als autismustypisch kann man diese Eigenschaften nicht gerade bezeichnen.
Was ich noch dazusagen muss: Bei allem, was ich so über Autismus erzähle, habe ich meistens nur die weniger auffälligen, „hochfunktionalen“ Varianten im Kopf, weil ich mit solchen am meisten Umgang habe. Einen nonverbalen Autisten, oder so einen, der in einer Werkstatt arbeitet oder rund um die Uhr betreut werden muss, habe ich noch nicht getroffen. Aber auch nonverbale Autisten haben eine Stimme – manche haben sogar ganze Bücher geschrieben über ihre Innenwelt.

Worauf ich hinauswill: Ich wünsche mir, dass Autisten und andere neurodivergente Menschen als vollkommene Personen mit legitimen Bedürfnissen gesehen werden. Dass sie anders sind, kann manchmal irritierend sein, das ist auch okay; aber das heißt nicht, dass sie etwas Böses wollen, dass sie krank oder weniger kompetent sind. Werden die besonderen, zum Beispiel autistischen Bedürfnisse ernst genommen, werden die Menschen es danken, indem sie ihren Stärken nachgehen und sich entwickeln können. Meiner Meinung nach – das ist jetzt vielleicht etwas kontrovers – ist Neurodiversität sogar eine Bereicherung für die Gesellschaft. Oft wird auch gesagt: Redet nicht über uns, sondern mit uns, fragt uns, wenn ihr etwas nicht versteht. Andere Wahrnehmungen sind schwer zu verstehen. Aber mich faszinieren sie auch.

2 Kommentare

  1. Ich frage mich, ob es leichter ist, wenn ich einen Ausländer-Bonus habe. „Nur“ im Nahen Osten, wo ich gern mal hin möchte. Andrerseits: Ich weiß relativ gut, worauf ich mich einlasse – mein Spezialgebiet. Wetten, dass auch neurotypische Europäer in einem anderen Kulturkreis ihre liebe Not haben? Es gibt da so ein paar Fallen… Man staunt nicht schlecht, wie unterschiedlich Menschen sein können.

  2. Ich glaube die Idee, Abweichungen als Behinderung oder Störung zu bewerten hatte viele Jahrhunderte mehr Vorlauf als die, umzudenken. Zu Behinderungen an sich fällt mir noch auf, oder finde ich, dass dadurch dass Menschen wenig Kontakt dazu haben, sie auf eine Abweichung emotional stärker reagieren als wenn wir sichtbar eine durchmischtere Gesellschaft hätten. Das lässt sich vielleicht auch auf weitere Integrationsfragen anwenden.

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