Wie genau sich das Depersonalisations/Derealisationssyndrom anfühlt, habe ich hier bereits beschrieben. Zusammengefasst: Es ist ein, nun ja, faszinierender Zustand, aber wirklich sehr, sehr unangenehm. Keiner merkt es einem an, wenn um einen herum die Welt zusehens irreal wird. Innendrin tobt aber ein Chaos aus Angst: Werde ich verrückt? Was ist los mit mir? Hört das je wieder auf? Träume ich? Mache ich gleich etwas komplett Verrücktes, weil ich nicht ganz bei Bewusstsein bin?

Man hat mir erzählt, beim Konsum bestimmter Drogen sei das Gefühl so ziemlich genauso. Depersonalisation (ich benutze das mal als Synonym für Depersonalisations/Derealisationssyndrom) ist also im Prinzip so, als hätte mensch die falschen Drogen genommen. Ein unfreiwilliger Horrortrip.

Jetzt habe ich herausgefunden, dass dieses Syndrom gar nicht so selten ist. Ich meine nicht Depersonalisation als Begleiterscheinung von anderen psychischen Störungen, sondern das Syndrom, chronisch und nicht durch andere innere Vorgänge erklärbar. In etwa kommt es so häufig vor wie Epilepsie, Schizophrenie oder Zwangsstörungen. Komisch, oder, warum spricht dann fast keiner darüber? Warum wird fast nie (nur bei ca. 1% der Betroffenen) die Diagnose gestellt?
Einerseits, denke ich, wird die Depersonalisation einfach zu oft mit anderen psychischen Störungen und Symptomen verwechselt. Panikstörungen sind zum Beispiel ähnlich, aber so eine Panikattacke dauert nur vergleichsweise kurz und meistens haben Menschen große Angst vor der nächsten Attacke – bei Menschen mit Depersonalisation ist das nicht so. Viele haben durch die Depersonalisation Angst, verrückt zu werden, und manch ein*e Psycholog*in denkt dann tatsächlich, dass da irgendetwas richtung inhaltliche Denkstörung läuft und gibt eine Diagnose aus dem Schizophrenie-Spektrum. Leider wirken Medikamente gegen Schizophrenie bei Depersonalisation fast nie und mit so einer Diagnose läuft nun wirklich niemand gerne unnötig herum.

Tja, und eine andere Erklärung für das fehlende Bewusstsein gegenüber des Depersonalisationssyndroms könnte sein, dass es so dermaßen unauffällig daherkommt. Menschen, die gerade eine schwierige Phase durchmachen, in der sie sich „neben sich stehend“, „wie in einem Traum“ und „nicht ganz da“ fühlen, können trotzdem ein Gespräch führen, arbeiten, müssen nicht unbedingt drastisch herumheulen, kommen also ganz normal daher. Viele erzählen nur dann von diesen merkwürdigen Gefühlen, die sie gar nicht richtig einordnen können, wenn mensch die explizit danach fragt.

Was aber unauffällig erscheint, birgt im Inneren der Betroffenen großes Leid. Es ist gar nicht so einfach, das Menschen zu vermitteln, die es noch nie erlebt haben. Am schlimmsten finde ich das Gefühl der inneren Isolation: Es ist eine krasse Form des detached-seins. Unverbunden mit allem, der Welt, selbst bekannten Menschen, getrennt, allein. Alles erscheint fremd.
Mein Alter ist übrigens relativ typisch dafür. In 95% der Fälle entwickelt sich die Depersonalisation früh, noch vor dem 25. Lebensjahr, meistend beginnend in der Pubertät oder dem frühen Erwachsenenalter.
Ich habe recherchiert, was hilft eigentlich gegen das Depersonalisationssyndrom? Und auch eigene Erfahrungen, was nützlich ist und was nicht, konnte ich sammeln. Glücklicherweise habe ich es so inzwischen ziemlich gut im Griff.
Hm, wo fange ich an?

Vielleicht mit dem Körper. Ja, der Körper. Wir haben alle einen. Ich finde das manchmal hochgradig merkwürdig. Als die Depersonalisation ganz schlimm war, hatte ich den Eindruck, mein Körper sei eine fremde Masse, ein Etwas, das so… an mir dranhängt. Ganz abstruses und hochgradig unangenehmes Gefühl. Manchmal ist es sogar so, dass, wenn ich mir mit der Hand über den Kopf streiche – ich plötzlich so fühle, als würde mir jemand anders über den Kopf streichen! Brrr.

Das therapeutisch wirksamste Mittel, was ich da kenne, ist: Tanzen. Modern Dance, um genau zu sein, aber die Richtung des Tanzens ist sicher egal. Hauptsache, es macht Spaß. Was dann passiert, ist, dass ich die Aufmerksamkeit auf das korrekte Ausführen der Bewegungen fokussiere. Ich spüre meinen Rücken, mein Becken, meinen Schultergürtel, meine Beine und Fußsohlen über den Boden gleiten, sich dehnen, strecken und drehen, die Muskeln arbeiten, die Wirbelsäule krümmt und biegt sich. Dazu die Musik: Ich liebe Musik. Ich fange an, mich zu freuen.
Ich habe herausgefunden, dass Depersonalisation im Grunde eine Sache der Aufmerksamkeit ist. Lenke ich die Aufmerksamkeit auf das komische Gefühl in meinem Kopf, steigere ich mich immer mehr hinein und fühle mich immer verrückter. Lenke ich mich dann aber ab – mit konzentrierter Arbeit, einem spannenden Buch – dann erledigt sich das Problem. Schon interessant, was mag da wohl vor sich gehen?
Beim Tanzen muss ich extrem konzentriert sein, sonst führe ich die Bewegungen nicht exakt genug aus oder komme in der Choreographie nicht mit. Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich mal nicht über irgendetwas nachdenke, sondern ganz im Flow bin, ganz fokussiert im Moment. Dazu kommt, dass ich meinen Körper spüre und er sich wieder wie ein Teil von mir anfühlt. Ich bemerke, dass bestimmte Bewegungen genussvoll sind und dass es somit eine Verbindung gibt zwischen meinem Körper und meinem Geist: Ich bewege meinen Körper, im Gehirn blubbern die Glückshormone. Verbundenheit.

Ein Psychiater schrieb, Depersonalisation sei im Grunde das Gegenteil von Achtsamkeit. Ich stimme ihm zu. Achtsamkeit ist eine Qualität von „Präsenz und Verbundenheit“, Depersonalisation dagegen „Nicht-da-sein und Getrenntheit“. Was liegt da näher, als Achtsamkeitstechniken zur Bewältigung des Depersonalisationssyndroms zu nutzen?

Achtsamkeit als die zielgerichtete Lenkung der Aufmerksamkeit, um nicht-wertend den gegenwärtigen Moment zu beobachten, kann auf mehreren Ebenen gegen die unangenehme Entfremdung helfen. Zunächst hat Achtsamkeit mir geholfen, das seltsame Zeug, das mein Gehirn da veranstaltet, distanzierter und gelassener wahrzunehmen. Ich denke: Ahhh, irgendein dopaminerg-aufmerksamkeitsbedingtes-Wasweißich passiert da gerade, interessant, ich beobachte das mal, aber für meine täglichen Aufgaben ist das nicht von Relevanz, nun gut, weiter zur Atembeobachtung (Klingt toll, ja, so wünsch ich mir das, und manchmal klappt es auch, ist aber leichter zu schreiben als zu erfahren). Und: Okay, ich hab Angst, aber die Angst ist irrational, nur bedingt durch das merkwürdige Gefühl im Kopf, aber da passiert nichts, alles ganz ungefährlich und harmlos, also kein Grund zur Angst, aber es ist okay, Angst zu haben… alles okay.
Neben dieser Umprogrammierung von Bewertungen hat Achtsamkeitsmeditation auch ganz konkrete Effekte auf das Gehirn. Gerade die Areale, die sich bei chronischer Depersonalisation nicht ganz fit zeigen, werden günstig beeinflusst und gestärkt. Das ist gut für die Aufmerksamkeitsregulation, die Körper- und Gefühlswahrnehmung.

Klar, es ist auch eine anstrengende Variante, sich zu helfen, die viel Disziplin erfordert. Ein wenig einfacher, zumindest am Anfang, sind angeleitete Meditationen wie zum Beispiel der Body-Scan (John Kabat-Zinn, Bodyscan bei der Videosuche einzugeben liefert z.B. eine gute Anleitung).
Und, nicht, dass ich mich nicht anstrengen will, wird manch einer sagen, aber gibt es auch Medikamente dagegen? Irgendetwas, dass diesen unangenehmen Zustand mildern kann? Tja, schwierig, ein speziell für Depersonalisation zugelassenes Medikament gibt es zumindest nicht. Solange der Wunsch nach einer medikamentösen Hilfe von außen nicht die Motivation untergräbt, selbst etwas für das innere Ökosystem zu tun, ist dieser ja auch vernünftig. Probieren kann man es. Auch wenn ich noch von keinem wissenschaftlichen Durchbruch in der Richtung gelesen habe, kommt es dabei ja sehr auf das individuelle biochemische Soundso an. Ich selbst bin da eine der Glücklichen, bei der Medikamente, niedrig dosiert, eine deutliche Besserung bewirken.

Was aber grundsätzlich hilft, ist, sich anderen anzuvertrauen – ich habe so zum Beispiel erfahren, dass andere Menschen exakt dasselbe Problem haben. Das ist sehr hilfreich für die Feststellung, gar nicht so ein dermaßen merkwürdiger Mensch zu sein. Was für eine Erleichterung das bedeutet, ist für Menschen, die nie eine solche Merkwürdigkeit im Kopf hatten, von der sie dachten, nur sie selbst hätten das, vielleicht kaum nachzuvollziehen. Aber es ist enorm. Vor allem findet mensch irgendwann bessere Worte dafür, oder überhaupt den Mut, die Depersonalisation zu beschreiben. Das ist wichtig, gerade bei der Suche nach Verständnis und Hilfe. Auch Psychotherapie kann hilfreich sein, sofern Therapeut oder Therapeutin verstehen, was Sache ist.

Ein sehr gutes Buch dazu mit Erklärungen und Selbsthilfe-Tipps:
Michal, Matthias: Depersonalisation und Derealisation – Die Entfremdung überwinden. Kohlhammer, 2012