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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Entpackte Gedanken zum Unverpackten

Wenn eine Umweltpsychologin mir etwas über „real-world problems“ erzählt, denke ich schon, Wissenschaft ist hart seltsam. Was sind nicht-real-world problems? Irreale problems? Nun gut.

Real ist … schwer zu fassen, wenn jemand so ein schräges Fach studiert wie Psychologie. Auf einmal wird alles so relativ. So wahrnehmungsbedingt. So konstruiert, abstrakt. Raum und Zeit sind eigentlich eins, unser Gehirn trennt aber beides.
Doch von der theoretischen in die praktische Vernunft umzuschalten muss sein, wenn ich mir überlegen will, wie viele Schraubgläser ich eigentlich mitnehmen will, wenn ich im Unverpacktladen einkaufen gehe.

Es gibt einen Unverpacktladen! Ich war positiv überrascht. Magdeburg ist doch kein „janz weit draußen“, was angewandte Nachhaltigkeit angeht. Der Laden heißt „Frau Ernas“ und liegt in einem hübschen Stadtteil und irgendwie neigen Unverpacktladen-Verkäufer*innen dazu, ziemlich nett zu sein (wobei mir auffällt, das ist bisher nur eine Sammlung salienter Einzelfallschicksale, aber hmm, in welchem Kontext ist es jetzt wohl angemessen, über Statistik und so zu reden? …definitiv zu viel Input!).
Mir ist aufgefallen, dass es nach einigen Malen Einkaufen in einem Unverpacktladen geradezu abstrus erscheint, in Plastik verpackte Dinge zu kaufen. Kommt mir auf einmal ganz merkwürdig und unnatürlich vor. Plastik, dieses durchsichtige, glatte, leichte Zeug, allgegenwärtig, aber was ist es überhaupt? Aus Erdöl gewonnenes Polymerzeugs? Seltsam, oder? Noch dazu voller Stoffe, von denen ich keine Ahnung habe, was sie sind, ob sie mir schaden könnten (BPA zum Beispiel) oder ob sie überhaupt recycelt werden können. Tetrapacks zum Beispiel, eine Fusion aus Papier, Alu und Plastik – wie wird das eigentlich recycelt? Aufwändig. Und nicht so oft, wie behauptet wird, nur zu unter 40%. Komisch, dass sie trotzdem so ein gutes Image haben.

Im Unverpacktladen einzukaufen ist erst einmal ungewohnt, hat aber auch Vorteile. Zunächst einmal sind die Lebensmittel ganz nackt und unschuldig, ich sehe, was ich kaufe, und nur das, keine Aufdrucke mit bunten Bildern und Lifestyle-Sprüchen auf der Packung. Immer wollen die Produkte mit einem kommunizieren, „iss mich, ich bin nachhaltig und trendy“, nee danke, ich spare mir meine Aufmerksamkeit lieber für was anderes auf. Letztens erst habe ich gedacht, ist das nicht irgendwie das wertvollste, was Menschen besitzen – Aufmerksamkeit? Denn alle reißen sich um die Aufmerksamkeit der Menschen! Wenn ich Unterschriften für ein Antarktis-Schutzgebiet sammle, ist es mir bewusst, dass die Aufmerksamkeit der Menschen eine begrenzte Ressource ist, die sie mir nicht immer bereitwillig geben wollen. In diesem Fall können sie sich immerhin noch dafür oder dagegen entscheiden. Ich würde diese Ressource am liebsten nie und nimmer für blödsinnige Werbung hergeben, aber dummerweise wird sie immer schön auffällig in meinem Blick- und Hörfeld drapiert. Aaaah.

Nun ja, zurück zum Thema – was mich noch freut, ist, dass ich immer nur so viel einkaufen kann, wie ich möchte – theoretisch auch zwei Esslöffel Mehl oder so, im Prinzip alles, was die Waage noch erfassen kann. Ansonsten gibt es ja dieses Phänomen, dass jemand für ein Rezept eine Zutat kauft, die es nur in einer 250g-Packung gibt, wovon aber nur 50g benötigt werden, und tja, was wird aus dem Rest?
Ich finde das unübersichtlich und deshalb anstrengend. Unverpackt einkaufen lässt sich also auch prima mit gezielterem Einkaufen verbinden. Und: Ich bin die nervigen Tüten im Küchenregal los. Diese Dinger, die undicht sind, umkippen oder insgeheim mehr Mottenhotel als Müsli sind. Jaja.
Ich kann das zwar schwer einschätzen, aber viele Menschen sagen, dass Unverpacktläden ziemlich teuer sind. Nun, das meiste ist auch Bio-Qualität. Und, okay, dann ist es so. Nur rege ich mich darüber nicht auf. Eher frage ich mich, warum die Lebensmittel beim Discounter so billig sind. Ich habe auch mal probiert, Gemüse anzubauen und fand das enorm aufwändig, und dann die Kartoffelkäfer absammeln, huu, und die Gründüngung, und das Ernten und Wässern und mulchen, huu, das braucht echt Zeit. Wenn das Zeug wirklich so klima- und bodenschonend angebaut wird, wie ich das akzeptabel finde, ist für mich der etwas höhere Preis auch nachvollziehbar. Billige Lebensmittel haben nun einmal auch ihren Preis, aber eher in Form langfristiger Schäden durch Glyphosateinsatz oder Sortenverarmung. Stimmt natürlich trotzdem, dass bei manchen das Geld knapp ist, aber zumindest hier in Magdeburg ließe sich das Problem elegant durch den regelmäßigen Besuch der vielen Fairteiler lösen – das sind öffentliche Kühlschränke von Foodsharing, dort gibt es gerettetes Essen zum Mitnehmen.
Im Übrigen macht Zero Waste soo süchtig! Ist die erste Umstellung getan, dürstet es mich nach dem nächsten Kick. Die Zahnpasta ist alle? Genial! Her mit den festen Zahnputz-Tabletten im Schraubglas! Und der Bambuszahnbürste! Ha.
Und warum immer Papiertüten vom Bäcker annehmen, wenn ein sauberer Stoffbeutel denselben Zweck erfüllt? Es ist ein bisschen wie ein Spiel, so in etwa, wie weit kann ich meinen Müll noch reduzieren? Ich spiele es gerne, das herausfordernde und real-world-problems lösende Nachhaltigkeits-Spiel.

Nützlich dafür ist es, Shia Su’s Blog zu besuchen: https://wastelandrebel.com/de/

2 Kommentare

  1. Cooler Erfahrungsbericht! Ich wuensche mir mehr solche Laeden. Meine Eltern bauen ihr Gemuese selber an. Es muss wirklich eine Menge Energie in ein einziges Gemuesestueck gehen (in einem Sommer wie diesen wirklich Unmengen von Grundwasser, Licht, angenehme Temperaturen, natuerlicher Schutz vor Schnecken und so weiter). Das Gemuese schmeckt am Ende weniger hohl als im Supermarkt. Finde es ok, dafuer etwas mehr Geld zu investieren und nachzudenken, wie viel ich einkaufe. Und Fairteiler sind auch eine gute, aber zu wenig durchgesetzte Idee. Ich wuerde nur vermutlich Glaeser vergessen, wenn ich zu dem Laden den du beschrieben hast gehen wuerde. Haha ueber die Einleitung 🙂 ich glaub dass das Wort nur daher kam, dass wir viel mit virtual-worlds simulieren, und wenn man staendig zwischen drei Sprachen switcht, ver(w)irrt sich auch mal eins.

    • Hi, danke dir! Ja, die Gläser vergesse ich auch manchmal, aber die Läden haben immer ein paar gratis Notfall-Gläser parat. Ich kann nur hoffen, dass sich die Unverpackt-Idee mehr durchsetzt, es können ja auch schon vorhandene Supermärkte einfach Unverpackt-Ecken einrichten…
      Und genau, bzgl. Geschmacksexplosionserlebnis bei selbst angebauten Sachen stimme ich dir zu!!
      Ahhh, so ist das mit der real-world gemeint … 😉

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