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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Big Talk, Small Talk, Meta Talk

Talking people everywhere. Als meine Mutter mir, da war ich zwei Jahre alt, sagte, wie toll es wäre, dass ich schon so viel wüsste, erwiderte ich: „Du kannst sprechen!“, allerdings auf ungarisch.

Im Studium hört mensch eine Menge Leute sprechen und soll auch selbst eine Menge sprechen. Auf englisch, auf deutsch, auf wissenschaftlich. Und Smalltalk. Theoretisch. Ich meine, da sind schon all die superfreundlichen Kommilitonen, und der akademische Buschfunk ist so überlebenswichtig manchmal, und überhaupt, sich nicht so verloren fühlen und mit anderen studentischen Irrsinn von irrational bis revolutionär aushecken zu können, das ist doch reizvoll. Also talken! Denn es erfüllt so viele dieser Funktionen.
Manchen Menschen fällt Smalltalk schwer. Manchen anscheinend nicht. Zumindest sieht es so aus, als hätten sie insgeheim eine Gebrauchsanleitung bekommen, die irgendwann in der Grundschule ausgeteilt wurde, vom Ministerium für normale soziale Interaktion. Blöd nur, dass deren Kopierer manchmal streikt und ich keine abbekommen habe. Dummes Ministerium.

Small Talk, was ist das eigentlich? Mir erscheint es wie eine Art Spiel – zumindest geht es nicht primär um inhaltlichen Austausch. Es hat eher was instrumentelles. Manche nennen es vielleicht „gegenseitiges Beschnuppern“. So wie Tiere das machen. Wenn es doch so einfach wäre! Aber was genau lesen Tiere eigentlich aus dem Geruch des anderen heraus? Angstschweiß und Liebespheromone? Es muss komplizierter sein.
Im Smalltalk, dessen sich Menschen mangels ausgeprägtem Geruchssinn bedienen müssen, werden meines Wissens erst einmal grundlegende Dinge abgecheckt: Zum einen, ob dieser Mensch freundlicher Gesinnung ist, auch, welche Gemeinsamkeiten bestehen, zum anderen, wie kompetent dieser Mensch ist.
Ah ja, und wie ich gerade auf Wikipedia lese, dient das Ganze als „gesellschaftliches Ritual“ auch der „Auflockerung der Atmosphäre“. Okay.

Reden, um sich zu entspannen? Ich vermute, die meisten Menschen im Autismusspektrum finden Smalltalk eher ähnlich entspannend wie, keine Ahnung, neues Laminat verlegen oder Steuererklärung oder so. Dabei wäre es so schön, dabei auch so viel Spaß zu haben, wie die anderen! Aber nee, Smalltalk ist einfach nur so langweilig – ich verstehe nicht, was andere daran finden.

Ich habe meistens großes Interesse daran, etwas über meine Mitmenschen zu erfahren, um ihre Persönlichkeit einschätzen zu können. Oft, wenn nicht sogar immer, kann ich Menschen zunächst überhaupt nicht einschätzen und habe keine Ahnung, was das so für Leute sind – kreativ, zuverlässig, tolerant, scharfsinnig? Urteilend, tiefgründig oder langweilig? Auch nach dem ein oder anderen Gespräch ist mir das oft noch völlig unklar. Die Menschen sind wie weiße Blätter, zunächst noch eigenschaftslos, und ihre Aussagen und Verhaltensweisen liefern anfangs keine solide Datengrundlage, auf die ich Vorhersagen über Einstellungen oder Verhaltensweisen stützen könnte. Klingt blödsinnig rational und intuitionslos, aber hey, ich glaube schon, dass ich das so mache. Zumindest musste ich schon manchmal den Impuls unterdrücken (teils erfolglos), Leuten einen Persönlichkeits-Fragebogen in die Hand zu drücken, weil mir das effektiver erschien als die Analyse mittels Gespräch. Wobei mir das auch unnötige Schubladisierung von Menschen erspart, ja, aber ein grundsätzliches Verstehen, wie die Leute ticken, das ist einfach vorteilhaft.

Weil mich Smalltalk mehr oder weniger langweilt und anstrengt, habe ich mir einige Strategien entwickelt, die insgesamt einen manchmal bizarren Gesprächsstil ergeben. Zumindest hat man mir schon öfters gesagt, dass ich seltsame Fragen stellen würde. Jupp, ist auch so. Ich habe zum Beispiel herausgefunden, dass die Frage „Was hast du gemacht, als du zwölf warst?“ eine effektive Methode ist, um Persönlichkeitseigenschaften aufzuzeigen. Weitere Fragen, die ich gerne nutze sind: „Wenn du eine Landschaft wärst, was wärst du dann?“ und „Wenn du ein allwissendes Orakel treffen würdest, was würdest du fragen?“. Oder auch: „Wenn du so klein wärst wie eine Erdbeere, wo würdest du dann wohnen?“. Mit diesen Fragen kann ich auch testen, wie kreativ meine Gesprächspartner sind, ob sie ungewöhnliche oder scharfsinnige Antworten geben oder ob sie gerne herumphilosophieren. Ich rede gerne mit Menschen, die gerne denken.

Oder ich frage: „Was denkst du gerade?“ und schiebe schnell hinterher, „aber du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht möchtest“, denn ich würde nicht alle meine spontanen Gedanken aussprechen wollen.
Meistens versuche ich jedenfalls, die Ebene des Smalltalk so schnell wie möglich zu verlassen und in den Big-Talk überzugehen. Ein paar grundlegende Informationen sind aber schon wichtig, von wegen, woher kommst du, wo wohnst du und solche Geschichten. Aber dann, wenn es sich ergibt, wird philosophiert! Egal, über was, wundern kann mensch sich über alles, nicht? Das ist ein einfacheres Terrain. Oder ich tausche mich mit Menschen auf der Sachebene aus: Erzähl mal, was ist Effektstärke? Und hast du schon von dem Begriff zentrale Kohärenz gehört? Wenn ich so eine spannende Theorie beschreiben kann, vergesse ich manchmal alles andere um mich herum, inklusive Augenkontakt und Zeitgefühl… aber ich frage zwischendurch nach, ob ich die Person gerade zu sehr zutexte und ob das alles überhaupt spannend ist, denn ich finde es wiederum ziemlich unangenehm, mit unspannenden detailreichen Erklärungen zugetextet zu werden.

Ich möchte meinem Gegenüber ein gutes Gefühl geben, aktiv zuhören und nicht nur selbstbezogen das Gespräch immer auf mich lenken. Ich möchte, dass alle Fragen beantwortet werden, dass meine Erklärungen abgeschlossen sind.
Dazu bedarf es einer starken Selbstaufmerksamkeit – und auch einer konstanten Analyse des Gesprächsverlaufs. Mir erscheint das normal, aber ich vermute, dass viele andere Menschen während des Gesprächs nicht allzu viel darüber nachdenken. Vermutlich sind Gespräche deshalb als entspannend und auflockernd angesehen. Mich jedenfalls erschöpfen Small- und Big-Talk und nach einer Weile ist die Konzentration einfach aufgebraucht. Ich würde dann gerne noch weiter in Kontakt sein, weil ich mein Gegenüber mag, aber es geht dann einfach nicht mehr. Mein Gefühl ist dann merkwürdig zwiegespalten: Ich kann mich über ein Gespräch freuen und gleichzeitig das ganz große Bedürfnis verspüren, mich zurückzuziehen und alleine zu sein. Anstrengend, ey! Aber auch das, habe ich herausgefunden, kann ich geradeheraus sagen: „Hey, ich kann mich nicht mehr auf ein Gespräch konzentrieren – sorry, ich würde gerne, aber es geht nicht“. Die Menschen reagierten darauf bisher sehr verständnisvoll.

2 Kommentare

  1. Das ist eine schöne Mischung: Analyse mit Humor, Persönliches und Allgemeines.

  2. Interessanter Artikel. Die Idee, dass Smalltalk meist mit Gebrauchsanweisung ausgefuehrt ist find ich gut. Ich war sogar mal auf einem achtstuendigen Workshop zu diesem Thema. Denn Smalltalk ist schwierig. Ueber bestimmte Situationen sollte man beim Smalltalk gar nicht reden; etwa ueber Politik oder Glauben. Vom Wetter hingegen kann man zu allen anderen Themen kommen, wenn man es geschickt verbal dreht. Smalltalk ist ein gesellschaftliches Ding: einen Anfang machen, um dann zu anderen Themen zu kommen, die schwieriger sind; anstatt direkt die Pistole auf die Brust zu setzen – nicht wortwoertlich, versteht sich.

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