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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Warum AD(H)S manchmal in der Seele weh tut

AD(H)S tut manchmal in der Seele weh. Warum? Manche Leute teilen mir angenehmerweise mit, dass sie es nicht nachfühlen können, weil sie ein anderes Gehirn haben. Auch wenn das, was ich beschreibe, sich so anhört, als würden sie es kennen. Manch andere verstehen es nicht – „Konzentrier dich doch einfach!“ – ja, wie? „Indem du dich konzentrierst!“.
AD(H)Sler fühlen sich oft ziemlich missverstanden.

Ich weiß noch, mein erster Schultag. Wir sind ins Schulklo, also naja, da waren so Waschbecken, da sollte sich die ganze Kinderhorde die Hände waschen, damit wir wussten, wo das war. Aber irgendwie waren auf einmal alle weg – ich hatte vor mich hin geträumt. Ich schaute mich um… wo musste ich hin, wo war das Klassenzimmer? Keine Ahnung, keinen Schimmer, nur Nebel und Nichts, nur Orientierungslosigkeit, Verlorenheit, kein Plan, Angst. Angst!
Ich fand zurück, oder man fand mich, vermutlich Letzteres, meistens war es Letzteres. Man entschied, ich sollte nicht direkt neben dem Fenster sitzen, ich würde sonst rausschauen und abgelenkt sein. Das klappte nämlich herrlich mit dem Abgelenktwerden: Allein schon, wie die Blätter der Bäume draußen sich bewegten, und ganz besonders, wie die warme Luft aufstieg und wabernde, schillernde Schatten erzeugte! Unfassbar.

Aber Unterricht war auch spannend, spannend bis langweilig, und melden wollte ich mich auch nicht, andere Geschichte. Und ich vergaß manchmal meine Sachen und Dinge groß oder klein schreiben und alles, aber im Grunde war ich gut, und irgendwann fiel die aufregungsbedingte Leistungsaufrechterhaltung ab und ich bekam einen Eintrag ins Hausaufgabenheft und es folgte ein Diagnostikprozess. Genau, meine Sachen vergaß ich manchmal, meine Hefte und Bücher, in mein Hausaufgabenheft zu schauen, meine Sachen nach Hause mitzunehmen oder von zu Hause mitzubringen oder meine Unterhose an- oder meine Hausschuhe auszuziehen, es war ulkig, aber unabsichtlich. Und ich vergaß manchmal, einen Zettel abzugeben, dass ein Test bevorstand, eine Aufgabe, dass eine Anweisung gegeben wurde, ich etwas mitbringen sollte, diesunddas. Ich weiß noch ungefähr, wie sich Elektroden auf der Kopfhaut anfühlen, nicht gerade angenehm, und ich sollte die Augen auf und zu machen, zweimal wurde bisher so ein EEG gemacht. Meinen Befund weiß ich auswendig, weil mich sowas interessiert, da steht etwas von extrem instabiler Vigilanzregulation, sehr unregelmäßiger Alpha-Grundaktivität, übergelagerter Beta-Aktivität. Das war, als ich sieben war. Irgendwann versteh ich das auch mal, ich studiere ja Psychologie, irre, nicht wahr, allerdings weiß ich bereits, dass Vigilanz so etwas wie Wachheit bedeutet und das macht Sinn. Denn AD(H)S ist eigentlich kein Mangel an Aufmerksamkeit, eher ein Problem der Regulation der Aufmerksamkeit.

Ich weiß noch, Mathe war so ein Ding. Wenn ich Matheaufgaben lösen soll, folgt das irgendwie so einem alles-oder-nichts-Prinzip: Entweder, ich bin total super, oder ich kann gar nichts. Mal ganz überspitzt gesagt. Das ist so total unlogisch, und im Grunde geht es auch mehr darum, ob ich mich gerade konzentrieren kann auf die Aufgaben. Wenn ja, und wenn ich mich auch im Unterricht konzentrieren konnte, geht das prima wie sonstwas, sogar Klassenbeste war ich mal, aber wenn die Vigilanz dysreguliert ist, geht überhaupt nichts, ich bearbeite nichts, das Blatt bleibt leer. Sofern genug Zeit ist, kann ich diesen Zustand eventuell überbrücken, aber manchmal mündet alles in Überforderung und ich komme mir ziemlich dumm vor, weil ich so eine einfache Aufgabe nicht lösen konnte. Eines sei gesagt: Mit AD(H)S kommt mensch sich ziemlich oft dumm vor.
Ich bin nicht dumm, ich kann Intelligenztests als Beweis heranziehen, und doch zerrt dieses Thema sehr an mir. Ich weiß, es ist unschlau, den eigenen Wert an Intelligenz zu koppeln, besser wäre es, einen unbedingten Selbstwert aufzubauen, aber hm, es ist nicht einfach, davon zu lassen. So oft möchte ich den Mitmenschen beweisen, dass ich intelligent bin! Aber selbst wenn ich einen erneuten Intelligenztest machen wollte: Das bei AD(H)S typischerweise lausige Arbeitsgedächtnis würde die Ergebnisse doch niedriger ausfallen lassen und das Ganze überhaupt ziemlich anstrengend machen, seufz. Ach ja, was ist das Arbeitsgedächtnis? Im Grunde macht es, dass wir uns Dinge merken und diese gleichzeitig manipulieren können – ein Beispiel: Jemand sagt dir fünf Zahlen und du musst diese Zahlen im Kopf sortieren und in der richtigen Reihenfolge wieder aufsagen. So etwas macht das Arbeitsgedächtnis. AD(H)Sler können so etwas üblicherweise nicht gut. Auch so etwas wie, sich zu merken, dass gerade Tee zieht/ein Topf auf dem Herd steht/ich morgen um 8 einen Brief einwerfen muss/bliblablu, während ich etwas anderes mache, ich schätze, das macht auch das Arbeitsgedächtnis, oder so genau weiß ich es nicht. Auf jeden Fall fallen nicht-AD(H)Slern gewisse Dinge genau im richtigen Moment ein. Beispielsweise, den Schlüssel aus dem Schlüsselloch zu ziehen. Warum ist das wohl so, dass die Erinnerung daran, etwas Gewisses zu tun, genau im richtigen Moment kommt? Weird.

Eine andere Sache ist das Tagträumen. Es hat sich herausgestellt, dass das Gehirn, wenn es gerade keine konkrete Aufgabe zu erledigen hat, ziemlich beschäftigt ist. Man könnte das vielleicht als „Tagträumen“ oder mind-wandering bezeichnen, Wissenschaftler nennen das charakteristische Aktivitätsmuster im Ruhezustand das default mode network. Unfassbar spannende Sache. Bei nicht-neurotypischen Menschen, Autist*innen etwa, zeigen sich Abweichungen in diesem default mode network, es arbeitet anders. Bei AD(H)Slern kann ich mir das auch vorstellen. Denn sie tagträumen auch in Situationen, in denen sie eigentlich gar nicht tagträumen wollen. Leider sogar beim Kuscheln mit dem bestriechendsten Menschen der Welt, oder beim Musikhören, oder verdammt, wenn etwas furchtbar Wichtiges passiert, egal, in Gedanken bin ich bei Pokemon oder der Eigenartigkeit Georgischer Volkstänze. Hmm.

AD(H)S zu haben, kann sich manchmal anfühlen, wie mit einer Art wildem Tier zusammenzuleben, das unvorhersehbares Chaos produziert. Unvorhersehbares Chaos, um das mal voranzustellen, kann cool sein. Bilder zu malen mit unvorhersehbarem Chaos, oder Texte zu schreiben, oder gar Diskussionen zu führen, oder zu reisen, das ist alles sehr anregend und spannend. Intensives Leben muss ich mir gar nicht erst suchen, es passiert einfach. So gesehen kann ich, wenn ich bei alldem auch noch gut drauf und idealistisch bin, gar kein unerfülltes Leben leben, und da hab ich schonmal eine Midlife-Crisis weniger, das hat auch was.
Aber: Es ist anstrengend. Meine Güte, vor allem diese Emotionen. Mittlerweile kann ich diese unkontrollierten, spontan ausbrechenden Gefühle gar nicht mehr ernstnehmen (was ganz gut ist). Zumal ich nicht gerade gut darin bin, Gefühle überhaupt einzuordnen (Stichwort Alexithymie, Gefühlsblindheit). Und dann sondere ich auf einmal Tränenflüssigkeit ab und wundere mich und fange dann Sekunden später an zu lachen und wundere mich noch mehr und meine Mitmenschen denken vermutlich, da wäre sonstwas passiert, aber was soll ich machen? Emotionen zu regulieren, fällt AD(H)Slern schwer. Oh, und sie können so intensiv sein und so ermüdend. Mal wieder: Gut für die Kreativität, nur leider dezent unprofessionell, jaja.

Das Chaos zeigt sich in seiner bunt schillernden Mannigfaltigkeit also bisweilen im Gefühlshaushalt, aber nicht nur da. Typischerweise zeigt es sich auch im normalen Haushalt. Simple Dinge wie Wäsche waschen, Kühlschrank putzen, Bücher sortieren, Klamottenberge beseitigen kann das subjektive Komplexitätsniveau einer mittelschwierigen Bachelorarbeit erreichen. Es bietet sich an, einfach wenige Dinge zu haben und den Haushalt mit möglichst vielen Routinen und eventuell an jeder Wand angebrachten Klebezetteln zu bewältigen, aber nicht jedem AD(H)Sler gelingt das so gut. Oft erscheint der Kampf gegen das Chaos wie ein Ringkampf mit einer Hydra, der Hydra der Entropie, der einfach immer mehr Köpfe wachsen, weil Thermodynamik halt so funktioniert. Neidisch schweifen dann die Blicke zum Nachbarn hinüber, der in einem Liegestuhl auf der Terrasse chillt, während hinter ihm die Wohnung einfach blitzblank und ordentlich ist. Und ein das Gewissen unangenehm kitzelnder innerer Kritiker fragt sich, wie die anderen das eigentlich schaffen, ja, wie ist das möglich? Und warum kann ich das nicht, wo ich mich doch jeden verdammten Tag damit beschäftige, dass meine Wohnung ordentlicher wird?
Das ist ein Rätsel, aber die Lösung besteht einfach darin, dass die Vergleichbarkeit begrenzt ist, denn der Mensch da hat eben kein AD(H)S. Für ihn ist das einfach. Menschen mit AD(H)S haben oft das Gefühl, extrem viel kämpfen zu müssen, um am Ende dieselben Dinge zu erreichen wie die anderen. Studieren, beispielsweise. Bürokratie, auch so ein Ding (grusel).

Eines der frustrierendsten Aspekte an AD(H)S ist für mich, dass ich wahnsinnig viele Ideen habe (die ich echt gut finde), aber ich weiß nicht, wie ich sie umsetzen soll bzw. ich bin einfach generell überfordert mit der praktischen Umsetzung und Planung, egal wovon. Das hat einen Namen, man nennt es exekutive Dysfunktion. Exekutive Funktionen sind zum Beispiel dazu da, Ziele konsequent zu verfolgen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Impulse zu kontrollieren, die Aufmerksamkeit gezielt zu lenken, Handlungen zu beginnen und zu koordinieren – kurz, Dinge effizient umzusetzen. Und das braucht mensch nicht nur zum Banküberfälle planen, sondern in ganz banalen Alltagssituationen. Beispielsweise: Nein, ich lese jetzt nicht diese spannende Doktorarbeit, weil in zehn Minuten mein Bus fährt. Oder: Ich weiche heute Linsen ein, um sie morgen Nachmittag zu kochen. Oder: Ich repariere jetzt diese zerbrochene Vase. Solche Sachen, da braucht es exekutive Funktionen. Und wenn jemand mit diesen Probleme hat, ja, dann ist der Alltag voller Herausforderungen. Ein Haufen unerledigter Dinge resultiert und der niederschmetternde Gedanke: Bin ich jetzt dumm, faul oder verrückt? Die Erkenntnis, dass solche Probleme bei AD(H)S nichts Ungewöhnliches sind, kann eine enorme Erleichterung sein.

Ach ja, was ist AD(H)S eigentlich? Zunächst, warum schreibe ich das H eigentlich in Klammern? Das kommt daher, dass nicht alle AD(H)Sler hyperaktiv sind. Es gibt drei Subtypen: Primär unaufmerksame, verträumte ADSler, dann primär hyperaktiv-impulsive, dann welche, die beides sind, wobei der dritte Subtyp am häufigsten vorkommt.
Verrückterweise, wie ich finde, wissen manche Menschen nicht, dass AD(H)S im Grunde durch eine Stoffwechselanomalie im Gehirn verursacht wird (welche genau das sind, kannst du hier nachlesen). Menschen sind ja sehr kreativ darin, sich schwer zu erklärende Phänomene wie Autismus und AD(H)S zu erklären: Ach, das war die schlechte Erziehung. Oder die Umweltgifte. Oder die Medien. Oder der Zucker. Whatever. Ich weiß nicht, ob das offensichtlich ist, aber – es tut so weh, so etwas zu hören! Als wäre man irgendwie ein bei Geburt normaler Mensch, allerdings gefangen in selbstverschuldeter Zivilisationskrankheit. Unsere Gesellschaft ist zugegebenermaßen nicht gerade gesund für die Psyche, aber es ist vom Gefühl her ein großer Unterschied, ob man von einer genetischen oder erworbenen psychischen Abweichung ausgeht. Ich kann sagen: Die Gewissheit, dass es eine primär genetische Ursache ist (die Gene machen ca. 75% der Symptome aus, wenn ich das richtig lese), bringt mir Erleichterung. Außerdem, es mögen ja gut gemeinte Ratschläge sein, aber wenn ich mein Leben lang mit meinem AD(H)S herumlaufe, kann ich gewisse Vorurteile manchmal einfach nicht mehr hören, ohne innerlich auszurasten.

Manchmal korrigiere ich die Vorurteile dann und erkläre, dass bei AD(H)S vor allem die Funktion der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin betroffen ist. Es ist so, dass diese im Synaptischen Spalt ausgeschüttet werden, dann an den Rezeptor des nächsten Neurons andocken, damit ein Signal übertragen wird, und dann von gewissen Transportern in das Ursprungsneuron zurücktransportiert werden. Bei AD(H)S können verschiedene Gene so verändert sein, dass die Dopaminrezeptoren weniger empfindlich sind, oder dass der Rücktransport der Neurotransmitter zu schnell passiert – das sind zumindest die gängisten vieler verschiedenen Theorien. Die Anomalien betriffen vor allem Regionen im präfrontalen Cortex, in dem beispielsweise besagte Exekutivfunktionen verortet sind. Tja, so ist das.
Im Laufe des Lebens lernt mensch, eine Menge zu kompensieren – und auch, sich eine Nische zu suchen, die den eigenen Fähigkeiten und Einschränkungen am besten gerecht wird. Das dauert manchmal eine Weile, viele AD(H)Sler haben einen ziemlich wirren Lebenslauf. Aber vieles geht, mit Coaching, mit Strategien. Auf Medikamente sprechen auch die meisten an und diese können eine große Erleichterung sein (und oft sogar wirksamer als eine Verhaltenstherapie). Es kommt dabei allerdings ganz darauf an, was das jeweils für ein Mensch ist – oft liegen auch Begleiterscheinungen, Komorbiditäten vor (beispielsweise soziale Ängste), da sind Therapien doch ganz angebracht – oder beides in Kombination. Viele AD(H)Sler mögen die Metapher einer Brille, die eine Sehschärfe korrigiert: So ähnlich kann ein Medikament diese Nicht-Balanciertheit im Gehirn korrigieren, konkret: die Wiederaufnahme der Neurotransmitter durch die Transporter hemmen. Das kann sich ganz klasse anfühlen: Hey, ich habe gerade eine Stunde etwas gelesen und es verstanden! Oder, hey, ich habe gerade meinen Kühlschrank geputzt, was ich Wochen vor mir herschob! Oder, hey, ich kann mich mit Leuten unterhalten, ohne sie ständig zu unterbrechen oder wegzudriften! Oder, hey, eigentlich fühle ich mich gar nicht anders als sonst, nur einfach weniger verpeilt!

Und, nein, man wird nicht abhängig davon, viele AD(H)Sler vergessen sogar oft, die Medikamente zu nehmen. Es ist so ein verrückt kontroverses Thema, ich frage mich manchmal, warum. Klar, ich würde auch nicht wollen, dass Kindern Medikamente gegeben werden, nur weil sie anstrengend sind. Vielleicht passiert das ja manchmal. Aber man muss sich vor Augen führen, dass AD(H)S für die Kinder selbst so unglaublich unangenehm sein kann – wie für mich damals. Vielleicht wäre ich sitzengeblieben, hätte kein Abi geschafft oder wer weiß was noch. Jetzt studiere ich – wenn auch dezent überfordert, yey – aber ich studiere.
Autisten haben so eine schöne Community… Neurodiversität. Ich frage mich, warum AD(H)Sler nicht auch so eine schöne Community haben. Sollte mensch mal einführen.

2 Kommentare

  1. Oh Gott, ich liebe diesen Beitrag. Bei so vielen Sätzen schrie ich innerlich „Jaaa! So ist es!“.
    Danke dafür.

    • Mara

      14. September 2019 at 09:29

      Danke, Greta, es ist super, das zu lesen!
      Deinen Blog habe ich mir auch angeschaut, die Texte gefallen mir. Bin gespannt, was da noch kommt 🙂

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