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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Glitzernde Euphorie durch Umweltpsychologie: die IPU

Summt eine Person, summen die anderen um sie herum mit. Kurz darauf summt der ganze Raum. Ist die Menschliche Bienenschwarmperformance abgeebbt, lassen sich Dinge ansagen. Workshops zum Beispiel. Denn Summen und reden geht nicht gleichzeitig. Wovon ist die Rede? Och, IPU-Kongress!

Die Initiative Psychologie im Umweltschutz, kurz IPU, gibt es seit 25 Jahren. Es ist eine studentische Initiative, vor allem sind es Psychologie-Studis, aber umweltinteressierte Menschen aller Disziplinen sind willkommen (oder Menschen ohne Disziplin, undisziplinierte Menschen also, mhm). Ich lernte die IPU durch ein Buch kennen, das Handbuch zur Förderung Nachhaltigen Handelns – fulminantes Buch, vor allem für Menschen, die in Umweltorganisationen aktiv sind! Auf einmal bekommt mensch richtig Lust, mit Mitteln positiver Psychologie die pro-environmental personal norms der Mitmenschen salient zu machen, es gibt durchaus sinnlosere Impulse, nicht wahr?

Die IPU macht alles Mögliche, aber die Hauptaktivität bündelt sich in besagten Kongressen, die halbjährlich stattfinden. In wunderschönen Orten meist irgendwo in der Natur sammeln sich idealistische Menschen mit Flipchart-Markern, Moderationskarten und Yogamatten, basteln sich Namensschilder und sprechen über Tiefenökologie, Nachhaltigkeit an Hochschulen, was Achtsamkeit mit Umweltschutz zu tun hat, wie sich Umweltaktivismus und Selbstfürsorge verbinden lassen, Vernetzung, Umweltbildung und Interdisziplinarität… und so viel mehr, sowas wie, wie lässt sich über das heikle Thema Flugreisen reden, wo empinde ich Selbstwirksamkeit in meinem Umweltverhalten, wie nutzen Nazis den Umweltschutz für ihre Ideologie. Alles Mögliche. Wissenschaft aus erster Hand, mit ofenfrischen Faktoranalysen (keine Ahnung, was das ist), mit tollen Professoren und lebenserfahrenen Praxis-Menschen. Ich mag es.

Naja gut, ich mag einfach Wissenschaft. Auf den Kongressen wird auch meistens Gitarre gespielt. Und es gibt eine Party. Mit Kleidertauschecke. Und veganes Essen. Ich kann mich in der Regel kaum entscheiden, wann ich meinen Sinnen Ruhe schenken soll, denn da sind diese ganzen total tollen Leute, mit denen ich Gespräche führen könnte wie: Was glaubst du, wird die Menschheit eher an künstlicher Intelligenz oder am Klimawandel zugrunde gehen? Oder: Hey, wie ist es so, als Umweltpsychologin zu arbeiten? Oder: Wie war es, hierher zum Kongressort zu trampen?

Umweltschutzpsychologie begeistert mich, weil es ein relevantes Thema ist, und weil es mir guttut, Umweltprobleme aus einer psychologischen Sicht zu betrachten. Oft sind sie nämlich einfach überwältigend: Mensch sehe sich an, was alles unwiederbringlich zerstört wird, und allein das ist schrecklich… dann auch noch zu wissen, dass es die eigene Spezies ist, die das tut! Komplizierte Gefühle machen sich breit. Und obendrein noch die vorbewusste Erkenntnis, selbst ein wenig zu all diesen lebensfeindlichen Vorgängen beizutragen, durch den eigenen, mehr oder weniger selbstgewählten Ressourcenverbrauch… wie kommt mensch nur damit klar? Also, ohne verrückt zu werden?

Meine Strategie der Wahl (also so generell) ist eine rationale, problemorientierte Bewältigungsstrategie. Wenn menschliches Verhalten die Umweltprobleme verursacht, ist es wohl notwendig, das Verhalten zu ändern. Verhaltensänderung ist ein Gegenstand der Psychologie… und die Ethik und gewisse Werte, die Mensch so hat, geben dem Spiel noch ein paar kompliziertere Regeln, denn manipulativ und über den Willen und die Einverständnis der Menschen hinweg darf eine Intervention nicht laufen. Das Feine ist, einige vielversprechende Modelle gibt es schon (zum Beispiel das stage model of self-regulated behaviour change). Sie müssten nur noch angewendet werden. Und ja, andere Dinge sind noch unerforscht – die müssten noch erforscht werden. Mit der Regelmäßigkeit von Graugans-Flügelschlägen kommen mir neue Ideen für Forschungsfragen (die vermutlich größtenteils ganz schöner Blödsinn sind), jedenfalls, ich bin so neugierig. Ich würde so gerne wissen, was mensch machen kann, damit Menschen den Klimawandel ernst nehmen. Der Klimawandel ist nämlich aus psychologischer Sicht das perfekte Problem – im Sinne von, perfekt schwierig. Aufgrund multipler psychologischer Distanzen geht einfach unser Risiko-Wahrnehmungssystem nicht an. Wie unfassbar ungünstig! Denn vor anderen Dingen, die viel unwahrscheinlicher sind, als dass der Klimawandel eintrifft (und die weniger weitreichende Konsequenzen haben), haben wir viel mehr Angst. Hast du da schonmal drüber nachgedacht, wie merkwürdig das ist?

Aber gut – es ist tatsächlich eine äußerst delikate Sache, zu entscheiden, was ich in einem Leben effizientesterweise für das Klima tun kann. Ich bin nicht so mutig für’s Kohlebagger-Besetzen. Und auch nicht so die krass kommunikative Netzwerkerin, oder eine Person, die gerne Leute auf der Straße anspricht für Unterschriften. Ich habe das zwar gemacht, aber die Menge an Überwindung, die ich dafür brauchte, hätte multiple Badewannen gefüllt, puuh.

Gärtnern mag ich lieber. Also, Gemüse anbauen, oder Hochbeete bauen, solche Sachen. Auf Demos gehe ich sehr gerne. Und ich mag Umweltpsychologie. Ich würde gerne Hochbeete bauen und Umweltpsychologie pflanzen.

Manchmal frage ich mich, ob Wissenschaft wirklich so sinnstiftend ist, wie ich mir das erhoffe. Ich meine, Wissenschaft… wie groß ist denn der Bezug von Theorie zu Praxis? Denn für die Umwelt ist es egal, wie toll das Modell ist, solange es nicht umgesetzt wird. Sind die Interventionen, die Teil von Experimenten sind, schon Umweltschutzaktionen? Sind diese dann zu norm-geladen, um neutrale Wissenschaft zu sein? Keine Ahnung, ich bin da noch nicht drin. Ich weiß es nicht. Ich würde mir nur wünschen, dass es nach wie vor idealistische Wissenschaftler*innen gibt. Bei der IPU, habe ich das Gefühl, gibt es sie.

Im November war ich auf meinem vierten Kongress und ich kann es nur empfehlen. Neben den Kongressen gibt es Lokalgruppen in manchen Städten, Möglichkeiten, sich zu Master-Studiengängen und Praktika mit Umweltpsychologie-Bezug auszutauschen, sowie Arbeitskreise, zu Beispiel um ein neues Umweltpsychologie-Modul für Unis zu basteln. Die IPU-Website ist zurzeit Baustelle, aber bei Facebook gibt es Infos, oder auch in dem kostenlos herunterzuladenden Handbuch.

1 Kommentar

  1. I agree… it’s complicated.

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