Ich steige in den Ring. Das Diagnostiksystem steht mir gegenüber, massiv und glänzend; es hat sich über und über mit Öl eingerieben. Das hat es klug gemacht; als ich es mit einem Sprung zu fassen bekomme, schwabbelt es mir durch die Hände und grinst hämisch.

Es ist stärker als ich. Es wirft mit F84.1 nach mir. Ich sehe den Angriff kommen und nehme ein riesiges Paper von Waterhouse et al.1, mit dem ich ihm heftig eins überwische. Das Diagnostiksystem taumelt und ich nutze seinen verwirrten Moment.

Es gibt einen Aufschrei aus der Menge, als ich es mit meiner Konstruktvalidität vermöble. „Ach jaaa, F84.1, soso!“, rufe ich ihm entgegen. „Haben Autist*innen eigentlich irgendwas gemeinsam in ihrer Neurophysiologie? Kann die Diagnose irgendwas vorhersagen, wie sich die Person entwickeln wird?“
Das Diagnostiksystem lässt sich davon allerdings kaum beeindrucken. Es nimmt einen Stapel Studien und Bücher von hinten und beginnt, sie mir um die Ohren zu werfen. Studien und Bücher über Autismus. Da gibt es viele.
„Weißt du überhaupt, wie nervig das ist? Jeder biegt sich den Autismusdraht so, wie er*sie ihn haben will. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was Autismus eigentlich ist!“.

Ist doch dein Problem, gibt mir das Diagnostiksystem mit einer Ohrfeige zu verstehen. Es bewift mich mit Blogs und Youtube-Videos von selbstdiagnostizierten Autist*innen und begräbt mich in einer Welle von Hashtags. Ich hab ja nix dagegen, dass es Autist*innen gibt, denke ich, Autisten sind oft echt tolle Menschen, nur gegen die unklare Operationalisierung der Diagnose hab ich was. Von jedem Kriterium gibt es Ausnahmen… was ist es denn dann? Kann die Theorie „es ist Autismus“ dann überhaupt falsifiziert werden? Ich nehme Popper aus dem Regal hinter mir und versuche einen ungeschickten Wurf.

Dann greife ich in meine Jackentasche und ziehe ein paar 100er-Päckchen Neuroleptika heraus. Ich werfe sie dem Diagnostiksystem an den Kopf und sage: „Höh, und warum nehmen Leute das, die keine Schizophrenie haben? Kannst du mir das erklären? Nee, wa?“
Tablettenpäckchen, auch wenn es die mit 200mg sind, sind nicht so schwer, aber das Publikum kommt mir zu Hilfe.

„Augh“, sagt das Diagnostiksystem, als ein paar Fläschen Escitalopram es am Kopf treffen. „Warum hilft mir das? Kann mir auch keiner sagen, vor allem nicht du“, erschallt es von hinten. Das Diagnostiksystem verbarrikadiert sich hinter einer Wand aus „Das ist halt Praxis, nicht Wissenschaft, und dafür bin ich doch auch da, oder was“. Ich versuche, über die Wand zu steigen, um das Diagnostiksystem mit noch ein paar Fläschchen zu bewerfen, aber ich verheddere mich in einem Netz aus „Ich bin leider kein Psychiater und weiß es auch nicht so genau“, stolpere und bleibe frustriert vor der Wand sitzen. Wir sind in einer Patt-Situation, keiner kann vor oder zurück. Mein Kopf (oder die Rumpelkammer, die ich dafür halte) läuft auf Hochtouren – was kann ich jetzt tun, um die Wand zum Einsturz zu bringen und den Ringkampf doch noch für mich zu gewinnen?

Das Diagnostiksystem murmelt von der anderen Seite „Wenn du mit uneindeutigen Konstrukten nicht klarkommst, ist das doch am ehesten dein Problem, denn die ganze Wissenschaft ist voll davon… die ganze Psychologie und überhaupt! Sprache selbst ist ja so ne Sache, jeder definiert sich die Begriffe so, wie er*sie möchte… alles ist doch interpretationsabhängig und ein Narr, der versuchte, das zu ändern!“

Fast brachte es mich zum heulen, das Diagnostiksystem, aber ich besann mich und nahm einen Speer namens Ätiologie in die Hand. Der Speer war schön glatt und schwer. Damit stach ich in seine Wand und sie zerbrach. Huuuh! Der Speer der Ätiologie ließ das Diagnostiksystem einsehen, dass die Konstrukte, die es auflistete, vor allem auf phänomenologischer Ebene gleich oder ähnlich waren, die Ätiologien, also die Ursachen, standen damit aber häufig nicht in Bezug. Und das war doof, denn die Wissenschaft nutzte seine Konstrukte trotzdem, obwohl die Leute mit einer Diagnose vielleicht gar nicht so viel gemeinsam haben, nur für uns Menschen sieht es halt so aus. Unsere Erkenntnisfähigkeit ist auch in diesem Punkt begrenzt: Wenn wir objektiv erkennen wollen, aus welchen Faktoren die Persönlichkeit eines anderen zusammengesetzt ist, bzw. warum sie so ist – das können wir nicht. Die Grundbedingungen der Erkenntnis limitieren sie, und die salienten Persönlichkeitsmerkmale sind vielleicht nicht die, die ein Konstrukt am besten definieren (ich habe im Grunde auch nicht so viel Ahnung von sowas, ich bin erst im zweiten Semester, aber ich denke gerne über solche Dinge nach und philosophiere! Philosophieren ist valide und schön…).

Das Diagnostiksystem hatte ein schwerer Schlag getroffen, aber es gab nicht auf: Es nahm einen Stein vom Boden, den Stein des „einmal eingeführte Standards sind schwer zu ändern“ und warf ihn mir entgegen. Uhh, das tat weh. Da ich unter diesem Stein begraben war, konnte ich mich nicht rühren. Was sollte ich tun? Der Ringkampf konnte doch nicht schon entschieden sein!

Aber da geschah es: An einer Liane, die von der Decke hing, schwang ein Wesen zu uns hinunter, einen durchdringenden Urschrei ausstoßend. Es war das RDoC!2

Das RDoC nahm im Flug den Stein von mir herunter und krachte auf das Diagnostiksystem, woraufhin sich beide raufend über den Boden rollten. Nun, da sowieso das Chaos in greifbarer Nähe war, kamen lauter Leute in weißen Kitteln in den Ring gestürmt und bildeten einen Kreis um die Kämpfenden. Sie feuerten das RDoC an und riefen dabei „heya, heya, haa, heya haaa!“. Lauter Leute aus den Reihen der Zuschauer machten mit und warfen riesige Mengen an Papier in die Mitte, Befunde über Befunde. Diagnosen zu Seifenblasen, heißt ein Motto der Pride Parade („behindert und verrückt feiern“). Daraus folgere ich, dass Menschen Diagnosen oft nicht mögen. Ich sammle sie ja gerne; immer, wenn ich F-Nummern sehe, möchte ich gleich nachschlagen, was sie heißen. Ganz so doof sind sie ja auch nicht. Menschen identifizieren sich auch manchmal damit. Wie gerne sie das tun, hängt vom Image der Diagnose ab. Selbst wenn es keine Diagnosen gäbe, Menschen würden sich trotzdem Begriffe ausdenken und einander anhand dessen in Schubladen stecken. Menschen schubladisiern nämlich aufgrund der Komplexitätsreduktion und Orientierungsfunktion des Schubladisierens ausgesprochen gerne.

Aber Diagnosen sind letztendlich nicht so vielsagend, wie Menschen manchmal denken. So genau wird da oft nicht auf die Kriterien geschaut, so genau weiß das Diagnostiksystem auch nicht, wie dein inneres Ökosystem aufgebaut ist. Sie sind nicht dazu da, eine Persönlichkeit vollkommen zu beschreiben. Es sind nur Werkzeuge, nur Bezeichnungen mit all der Uneindeutigkeit menschlicher Sprache, nur Vermutungen, von der Art wie „das könnte gebrochen sein, aber vielleicht ist es nur geprellt, auf jeden Fall nicht bewegen erstmal“. Aber die Menschen wissen das oft nicht. Deshalb sind Diagnosen, einfach ausgedrückt, oft voll das Drama. Zum Beispiel wollen Menschen umbedingt eine Diagnose haben, eine bestimmte. Menschen zahlen sogar hin und wieder viel Geld dafür. Ich verstehe das, weil es mir auch so ging, aber es ist schon echt seltsam. Für die Gesellschaft ist es wichtig, zu wissen, welche Persönlichkeit jemand hat, weil das auch bestimmt, wie jemand sich verhält, und Verhalten ist wertbehaftet, ist gut oder schlecht, und das zählt. Deshalb zählen Psycho-Diagnosen auch so viel, sind so wichtig für das eigene Leben, weil sie so viel mit dem Verhalten zu tun haben, und andere wollen gerne einschätzen können, wie jemand sich verhält. Vor allem ob jemand zwischenmenschlich okay ist, und ob jemand in Aufgabenlösen kompetent ist.

Diagnosen sind aber auch für einen selbst von Bedeutung: Dinge können auf einmal erklärt und akzeptiert werden, wo mensch vorher dachte, ohje, ich muss verrückt sein, eine Fehlkonstruktion. Nein, ich habe eine Erklärung, es ist diese Krankheit/Behinderung/Neurodiversität! Ich bin einfach so! Oder auch: Ich weiß endlich, woher das kommt und woran ich arbeiten muss! Oder auch: Ich weiß jetzt, in welche Selbsthilfegruppe ich gehen kann und welche spezielle Therapie bei Menschen mit meiner Diagnose im allgemeinen hilft!

Ja, dazu sind sie ganz gut, wenn denn die richtigen vergeben werden. Es gibt auf jeden Fall aber mehr „besondere“ Persönlichkeiten, als durch die Liste an Diagnosen abgedeckt werden können. Manche Menschen passen nicht in diese Schubladen und das ist okay. Sie brauchen aber ebenfalls Aufmerksamkeit, wollen ebenfalls wissen, was mit ihnen los ist, wollen auch in Selbsthilfegruppen gehen, auch wenn sie nicht wissen, in welche. So ist das auf der Welt…

Wir tauchen umher in einem Meer ausgefüllter BDIs und FPIs und ADOS… Als ich wieder an die Oberfläche komme, sehe ich einen Quastenflosser, der eine große Goldkette trägt. Auf dieser steht „Wer heilt, hat Recht und kümmert euch einfach aufrichtig um jeden verrückten Menschen“. All brains are beautiful!

1Waterhouse, L., London, E., & Gillberg, C. (2016). ASD validity. Review Journal of Autism and Developmental Disorders, 3(4), 302-329.

2https://www.nimh.nih.gov/research/research-funded-by-nimh/rdoc/index.shtml