Alexithymie heißt „die Unfähigkeit, Gefühle zu lesen“. Gefühlsblindheit. Ich habe da schon verschiedene Definitionen gelesen und bringe hier meine Persönliche ein. Für mich heißt Alexithymie, dass ich oft nicht weiß, wie es mir geht, was ich fühle, warum ich etwas fühle, wie ich mein eigenes Verhalten interpretieren soll. Es ist wie eine eingeschränkte Theory of Mind mir selbst gegenüber. Ich kann die primäre Emotion, wenn ich mir Mühe gebe, ganz gut benennen. Also kann ich meistens unterscheiden, ob ich fröhlich, traurig, ängstlich oder niedergeschlagen bin, oder ob ich mich ärgere, Zuneigung oder Aversion empfinde. Dabei hilft mir der Gefühlsstern aus der kognitiven Verhaltenstherapie enorm (habe ich mir selbst angeeignet). Es dauert oft eine Weile, aber ich komme doch recht zielsicher per Ausschlussprinzip auf das Gefühl, weil es gewisse Regeln gibt, denen ich dabei folgen kann, bestimmte Fragen, die ich stellen kann. Gefühle erkennen nach Lehrbuch.

Ganz so schlimm, wie es sich anhört, ist es bei mir nicht. Manche Menschen können partout nicht sagen, wie es ihnen geht, oder spüren allein schon gar nichts. So wird Alexithymie auch manchmal definiert, dass man „gefühlskalt“ ist, aber das entspricht der eigentlichen Bedeutung des Begriffes ja nicht. Manche Menschen mit Alexithymie denken ständig, sie hätten körperliche Beschwerden, wenn sie eigentlich bestimmte Emotionen spüren. Mir passiert das auch manchmal. Ich wundere mich z.B., warum mein Herz klopft, weil ich nicht begreife, dass ich aufgeregt bin. Ich wundere mich über Atemnot, weil ich nicht verstehe, wieviel Angst ich habe. Ich texte Leute überschwänglich zu und wundere mich, bin ich guter Laune oder ist das was anderes?

Das kann belastend sein, wenn ich zum Beispiel nicht weiß, ob ich müde oder schlimm traurig bin, wenn ich morgens mal absolut nicht aus dem Bett komme. Woher kommt die Antriebslosigkeit? Ich bin ratlos. Werde ich depressiv? Sowas denke ich dann tatsächlich, und muss mir immer wieder sagen, hey, es ist komplett unwahrscheinlich, dass du depressiv wirst, schau dir doch mal deinen momentanen Kontext an. Ja, genau das braucht es, um Gefühle einordnen zu können: den Kontext. Und manchmal bin ich ziemlich kontextblind. Oft bin ich unkonzentriert, und frage mich dann: Bin ich jetzt müde? Oder zu fröhlich? Oder zu nervös? Keine Ahnung, es könnte alles sein. Wie finde ich das heraus? Auch durch langes Nachdenken komme ich nicht darauf, was die Ursache meiner Empfindungen ist.

Ich kann auch oft nicht richtig sagen, was ich für andere Menschen empfinde, außer es ist sehr eindeutig. Zuneigung? Liebe? Ambivalenz? Abneigung? Gleichgültigkeit? Manchmal beobachte ich eher, wie ich mich einer Person gegenüber verhalte und leite dann meine Gefühle ihr gegenüber daraus ab. Zum Beispiel, wenn ich merke, dass ich einer Person meine Hilfe anbiete oder ihr schnell auf Textnachrichten antworte (was ich sonst selten mache), scheint sie mir ziemlich wichtig zu sein. Wenn ich mir den Nachnamen nicht gemerkt habe, wohl eher nicht so. Es dauert aber ziemlich lange, bis ich genug Daten über mein Verhalten zusammengesammelt habe. Menschen einzuschätzen, oder zu sagen, ob ich gerne mit der Person befreundet wäre, fällt mir sehr schwer. Ich habe mich schon ziemlich in Menschen geirrt. Andere scheinen so mühelos ihre Urteile zu fällen, wissen, wer ihnen guttut, wer welche Qualitäten hat. Ich dagegen denke mir, ich würde am liebsten ein nettes Messinstrument entwickeln für sowas, einen einfach anwendbaren und zweckmäßigen Fragebogen. Kennst du „Das Rosie-Projekt“? Irgendwie sympathisiere ich mit dem Protagonisten, der seine große Liebe mit Hilfe eines ausgeklügelten Fragebogens finden möchte. Klappt dann zwar nicht, er kommt mit einer zusammen, die den Fragebogenkriterien nicht entspricht und eine, die sie alle erfüllt, passt dann doch nicht. Meine unpopuläre Meinung zu dem Ganzen ist: Gute Idee, aber das Messinstrument hätte man noch besser konstruieren können. Aber wie auch immer. Ich denke, durch Dating-Apps und so ist das Problem der unperfekten Messgeräte in dem Bereich allseits bekannt.

Entscheidungen, auch so eine Sache. Was will ich eigentlich? Ich kann es oft nicht sagen, und das war, soweit ich mich erinnern kann, immer schon so. Es ist allerdings besser geworden, vielleicht auch, weil ich häufig gewisse Regeln anwende, die meine Entscheidungsmöglichkeiten einschränken, zum Beispiel beim Einkaufen. Aber die simple Frage „willst du nachher noch zu mir kommen“ kann mich ziemlich paralysieren. Oder ein an mich selbst gestelltes „soll ich jetzt nach Hause gehen oder soll ich noch bleiben“. Schlimm, schlimm, keine Ahnung. Es gibt so viele Variablen zu bedenken! Ich könnte zu Hause das-und-das tun… aber andererseits bin ich abends eh unkonzentriert… anderer-andererseits muss ich ja auch nix machen und könnte chillen… aber wenn ich hierbleibe kriege ich mehr mit… andererseits will ich nicht dem „fear of missing out“ verfallen, wenn ich mehr Zeit für mich brauche… anderer-andererseits bin ich vielleicht nur ein bisschen nervös und könnte mich ein bisschen locker machen und vielleicht will ich nur deshalb weg… anderer-anderer-andererseits… und so weiter. Das geht dann immer wieder so im Kreis, bis ich schließlich entweder total nervös werde und um Bedenkzeit bitte, oder apathisch warte, bis die Situation mir die Entscheidung abnimmt. Oder ich mache ein Mind-Map oder eine Erwartungs-mal-Wert-Tabelle (das habe ich in Sozialpsychologie gelernt, echt praktisch!). Oder einen mini sokratischen Dialog. Ich hab da so meine Tricks. Naja, manchmal laufe ich aber nur endlos im Supermarkt herum, weil ich mich nicht entscheiden kann, was ich tun soll – ein Mitarbeiter fragt, ob er helfen kann, aber nee, kann er nicht. Häufig komme ich an den Punkt „ahhh mir ist das zu viel alles, ich geh jetzt einfach raus und gebe auf, ich brauche doch nix hier“, nur um festzustellen, dass ich mich nicht ohne Einkauf rausschleichen kann. Passiert mir hin und wieder. Manchmal denke ich dann, ich sei einfach übelst neurotisch und sollte mir keinen Kopf machen. Aber vielleicht liegt es wirklich nur am Nicht-Checken der eigenen Bedürfnisse.

Das ist vielleicht nervig! Andere Menschen sind darauf angewiesen, zu wissen, was ich will und was ich brauche. Ich war aber schon immer schlecht darin, das zu artikulieren. Manchmal begreife ich erst einen halben Tag nach einer Situation, was mein Bedürfnis in dieser Situation denn eigentlich war. Das führt dazu, dass andere manchmal unfreiwillig meine Bedürfnisse übergehen, was bei mir negative Gefühle ihnen gegenüber auslöst. Das ist jetzt Selbsthilfeforum-Style, was ich hier schreibe, aber egal, wenn sich in diesem Text jemand wiederfindet, wäre es mir das wert. Ich habe nämlich noch niemanden mit explizit diesem Problem getroffen.

Jedenfalls, die anderen können nichts dafür, weil sie ja nicht wissen, dass ich etwas nicht wollte oder etwas brauchte oder so. Ich dagegen habe es nicht gecheckt, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Kontextblindheit (selbst das vermag ich noch nicht zu sagen). Frustrierende Dynamik manchmal, ich lerne aber dazu. Da ich die Dynamik kenne, bin ich manchmal schon übervorsichtig, bevor ich einer Sache zustimme, denn ich fürchte, ich könnte ein Bedürfnis, das ich nicht kenne, übergehen und dann irgendwie negative Gefühle dem Ganzen gegenüber entwickeln. Aber mittlerweile durchdenke ich alles im Voraus, deshalb ergibt sich selten eine miese Situation deswegen. Ob andere Menschen auch so viel denken? Ich habe letztens einen Spruch gesehen, der sinngemäß lautete „Wir AD(H)Sler denken so viel vor dem Frühstück, wie du an einem ganzen Tag“. Das kann ich ziemlich nachfühlen, ja. Eine innere Quasselstrippe, eine nie enden wollende Flut sinniger bis unsinniger Assoziationen, innere fiktive Dialoge, innere fiktive Emails, innere Cafés voll diskutierender bärtiger Philosophen und bärtiger Philosophinnen, der Duft von Kaffee hängt in der Luft, die Männer in ihren braunen Sakkos lehnen sich nachdenklich ihren Bart streichelnd zurück, nachdenkend über den Sinn der Ontologie, wo es doch Phänomenologie zu bestaunen gibt, die Dinge, wie sie sind, jawohl…

Wo war ich?

Alexithymie. Ist emotionale Intelligenz wirklich so wichtig? Vielleicht leider ja. Leider für mich, zum Glück für andere, die viel davon haben. Es ist ein interessantes Thema. Wer hat wohl mehr Erfolg und ist glücklicher – jemand mit hohem „EQ“ und geringem IQ oder andersherum? Ich denke kaum, dass sich das pauschalisieren lässt. Bestimmt wurde das schon erforscht, fast alles wurde schon erforscht. Zum Beispiel die Verbindung zwischen Alexithymie, Sozialer Angst und AD(H)S. (Wen es interessiert: hier geht’s zur Studie.)

Ich fühle mich mit diesem Problem oft recht exotisch. Psychologie studieren hilft vielleicht ein bisschen, oder macht alles nur noch schlimmer, beides möglich. Vielleicht bin ich meinen Gefühlen noch fremder, wenn ich immer daran denke „Aha, jetzt ist bestimmt mein lateraler Hypothalamus aktiv! Oh, und das war bestimmt das anteriore cingulum, miese Sache ey“. Tja, was macht das? Sehe ich mich zu deterministisch? Nicht ganz, beziehungsweise ich denke trotzdem, dass ich einen freien Willen habe. Ein freier Wille, der sich selbst ziemlich kryptisch findet. Mit den Worten von Mr. Spock: Faszinierend.