Was ist das spießigste, was ich je gemacht habe? Es nennt sich Berufunfähigkeitsversicherung. Aber mich will eh keiner berufsunfähigkeitsversichern. Das zweitspießigste ist, zum Finanzberater zu gehen. Wow! Voll nette Leute, echt. Am Anfang war ich total eingeschüchtert, sie hatten beide Krawatten an. Ich hatte noch nie eine Krawatte an. Zu meinem Abiball bin ich barfuß gekommen. Macht nichts, es ist nicht die Kundin, die Krawatten tragen soll! Das machen sie aus Respekt, sagen sie, das Fein-Gekleidet-Sein. Ich bekam Kräutertee. Und einen Notizblock. Der war nicht aus Recyclingpapier. Was mache ich hier bloß, ich fühle mich so fehl am Platz!
Auf Demos fühle ich mich wohl. In Greenpeace-Plena und auf ramschigen Sofas beim Fachschaftsrat. In abgeranzten Theatern und auf Bäumen und auf meinem eigenen ramschigen Sofa und im Schwimmbad. Das sind so Orte, die kann ich mit meiner Persönlichkeit vereinbaren. Und dann sitze ich auf einmal beim Finanzberater, voll der falsche Film, denke ich. Stellt sich aber raus, dass ich das durchaus darf. Ja, ich werde nicht einmal hinausgescheucht wie eine Katze aus der Hundehütte! Stellt sich raus, ich habe durchaus das Zeug dazu, mich von Finanzberatern beraten zu lassen.

Dabei habe ich nicht viel Ahnung von Finanzen. Meine erste grobe Idee über das Finanzsystem entstammt Donald-Duck-Comics, weil, meistens handeln die ja auch von Dagobert. Dagobert hat voll das Zeug zum unnachgiebigen Kapitalisten. Er kauft und verkauft und verwaltet seine Unternehmen. Dagobert ist aber auch voll neurotisch wegen seines ganzen Geldes (oder er hat Geld, weil er neurotisch wegen Geld ist? Egal) und gibt es einfach nicht aus, er badet nur gerne darin. Ich dagegen bade gerne in weißen Bohnen. Das habe ich als Kind gemacht in der Ergotherapie, und ich fand es so toll, dass ich gerne selber so eine Kiste voller weißer Bohnen haben wollte, um darin zu baden. Meine Eltern wollten mir aber nicht so viele weiße Bohnen kaufen. Also, wenn ich in einer Kultur leben würde, in der wieße Bohnen das Zahlungsmittel wären, würde ich sie vielleicht auch so anhäufen wie Dagobert, um darin zu baden. Münzen aber sind ganz schön eklig, wenn man mal darüber nachdenkt, in denen will ich nicht baden, und in Girokonten kann ich auch nicht baden. Worauf ich hinauswill, ich dachte mir, eigentlich will ich gar kein Vermögen, was soll ich dann bei „Vermögensgestaltern“.

Ich habe nicht nur keine Ahnung von Finanzen, sondern auch keine Ahnung von Politik, abgesehen von dem, was ich zufällig über Twitter oder die Schlagzeilen auf den Bildschirmen in der Bibliothek mitbekomme. Oder auf Demos. So Dinge wie „Rente“ sind für mich virtuelle seltsame Sachen, die Erwachsene besprechen… moment, ich bin auch erwachsen! Mieeese Sache.

Mir wurde nahegelegt, etwas für die Altersvorsorge zu tun, was, ich wiederhole mich, das spießigste ist, was ich je gemacht habe. Aber vielleicht ist es auch ein Akt von Self-Care. Wenn Leute mir erklären, das Rentensystem funktioniere nicht so gut, glaube ich das, vorausgesetzt, es sind nicht die Leute, die „das System“ von vorneherein doof finden und denken, dass eh nichts klappt. Mag sein, ich weiß es nicht. Ich habe ziemlich viel impulsiven Blödsinn angestellt, aber im Grunde sehne ich mich auch nach Sicherheit. Ich plane gerne voraus. Ja, auch mal zehn, zwanzig Jahre, warum nicht. Bis 85 oder gar 67 habe ich noch nie vorausgeplant. Aber, hey, ich lebe eigentlich ganz gesund, ich denke, ich bin dann noch auf der Welt. Oder ist das Grundargument eher der Zweckoptimismus? Und wäre es nicht schön, wenn ich mit 67 meinem 22-jährigen Selbst dankbar sein kann, mir denke „woah, ein Glück, habe ich mich damals schon darum gekümmert!“? Klingt verlockend.

Und so vertraute ich den Finanzberatern. Ich vertraue sowieso schnell, aber ich vetraue oft nicht, wenn es um Nachhaltigkeit geht – beziehungsweise darum, ob etwas, das sich als „nachhaltig“ bezeichnet, wirklich nachhaltig ist. Ich habe außerdem etwas Angst vor dem Finanzsystem, es ist so groß und mächtig und komplex und ich verstehe es nicht, und ich habe große Angst, etwas moralisch inkorrektes zu tun. Aber ist es wirklich so schlimm, in einen Fonds zu investieren? Darüber habe ich viel nachgedacht.

Ich mag das Finanzsystem nämlich nicht wirklich. Das Abgekoppeltsein von den realen Dingen ist mir nicht geheuer. Ich bin voreingenommen von Gruselgeschichten über Rohstoff-Spekulation, die dazu führte, dass völlig unbeteiligte Menschen unter den Fehleinschätzungen von Börsen-Menschen litten. Ich möchte nicht mehr Geld haben, als ich brauche. Vielleicht noch einen Gemeinschaftsgarten gründen, das wäre nicht schlecht. Aber es gibt quasi kein CO2-neutrales Geld – sagt zumindest Niko Paech. Ich möchte nicht zum Konsum verleitet werden und kein Unternehmen fördern, das zum Konsum verleitet. Zumindest nicht zum Überfluss. Überfluss überfordert mich.

Mir wurde aber erklärt, dass ich mir da keine Sorgen machen muss, die wahnwitzige Idee eines unbegrenzten Wachstums auf einem begrenzten Planeten zu befeuern. Es sei eher so, dass, wenn ich etwas Gutes (ein Unternehmen, das sich Mühe gibt, Ressourcen zu schonen) fördere, dieses Unternehmen dann Marktanteile von anderen, die weniger gut sind, wegnimmt. Also nur ein relatives Wachstum dieses Unternehmens innerhalb der Menge des „Marktes“ (was ein Wort, „Markt“!), und keine Erweiterung des Marktes hin zu Leuten, die das Produkt oder die Dienstleistung ohnehin nicht brauchen. Klingt gut, ich hoffe, es ist auch wirklich so. (Hat jemand nachgemessen? Ich bin ein empirisch denkender Mensch.)

Ich dachte mir also, damit ich mich mit der Idee überhaupt auseinanderzusetzen wage, brauche ich Gewissheit, dass es das Ganze in grün gibt. Anscheinend gibt es grüne Fonds, wahlweise in hellgrün, mittelmäßig grün und dunkelgrün, interessante Quantifizierung von Grünheit, und es gibt ein Zertifikat dazu (ESG). Die Fonds beschreiben selbst, was ihre Ausschlusskriterien sind – keine Rüstungsindustrie, keine Chlorchemie, keine Fossilen Energieträger, beispielsweise. Schon interessant – ich habe so viele Vorurteile gegenüber der Finanzwelt, dass ich zuerst gar nicht glauben konnte, dass es dort auch idealistische Menschen gibt. Ich habe sogar ehrlich nachgefragt, warum machen die Fonds das? Und die Antwort war, Idealismus. War mir jetzt nicht so klar, ich finde, die Antwort hätte auch sein können „weil Nachhaltigkeit im Trend ist und sie sich davon was erhoffen“ oder so, aber nein, Idealismus. Sie machen auch weniger Rendite mit ihrem Idealismus, und ich mache auch weniger Rendite mit meinem Idealismus. Macht aber nichts. Das ist eh ein Langzeit-Ding, da kann mir das auch egal sein. Mir fällt noch ein, nur weil die Cree-Indianer sagten, Geld kann man nicht essen, muss man das nicht so interpretieren, dass alles Geld Teufelswerk ist – es ist die Einstellung zu dem Geld, die wichtig ist. Die Wertehierarchie, in der das Geld nicht den obersten Platz einnehmen sollte. Es gibt also Wichtigeres, aber dadurch darf ich trotzdem zum Finanzberater gehen. Mein Schwarz-Weiß-Denken mal wieder – ertappt!

Und, was auch erwähnt wurde, wenn man das Geld bei einer Bank liegen hat, investiert man letztendlich auch indirekt in irgendwas. In was, das kommt auf die Bank an. Manche Banken investieren in moralisch fragwürdige Dinge. Das ist einem vielleicht nicht immer klar, schließlich sieht man nicht, wie Banken sich das Geld von einem ausleihen und damit was-auch-immer anstellen. Aber das ist der Grund, weshalb ich zu einer Öko-Bank gewechselt bin (was übrigens recht einfach war und außerdem das Erste, was ich an meinem 18. Geburtstag tat, yey). Ich habe eine lange Zeit mit dem Konzept des geldfreien Lebens geliebäugelt, das man ja theoretisch tatsächlich durchziehen kann. Immer noch finde ich den Gedanken sehr beruhigend, dass es gundsätzlich möglich ist, gesund und sozial eingebunden zu leben, aber ohne Geld – beeindruckend finde ich zum Beispiel, was Heidemarie Schwermer da gemacht hat. Coole Leute gibt‘s!

Frau Schwermer zum Beispiel gab aber auch gerne zu, dass das geldfreie Leben zwar für sie funktioniert hat, aber auch nur, weil sie in einer Position war, wo das ging. Ich dagegen weiß nicht, ob ich es mir vorstellen kann – man muss dafür doch eher überdurchschnittlich sozialkompetent, gut organisiert, flexibel, spontan und resilient und für alle möglichen „Jobs“ geeignet sein, wie mir scheint. Trifft das auf mich zu? Haha, nein. Ich bin so flexibel wie eine Nacktschnecke. Allein mit Leuten zusammenzuwohnen kann ich mir die meiste Zeit kaum vorstellen, was dann doch tendenziell die Notwendigkeit von Mietzahlung mit sich bringt.

Auch wenn ich es in meiner Idealwelt lieber anders hätte, ich gehe fast jeden Tag mit Geld um und habe ein Bankkonto und auch sowas wie Versicherungen. Ich gebe auch gerne Geld aus für Bio-Lebensmittel aus der Region, fahre zu Umweltpsychologie-Kongressen und spende für Klimacamps. Geldfreies Leben ist der König*innenweg, könnte man sagen, aber auch, wenn das nicht möglich ist, kann man viel Gutes erreichen mit dem Geld, ohne es aus dem Automaten holen und verbrennen zu müssen. Zumindest Leute, die für Klimaaktivisten kochen, freuen sich über Geld. Fühlt sich gut an, ihnen welches geben zu können.
Wenn schon mit Geld umgehen, dann also bewusst. Es irgendwo hinpacken, ins virtuelle Finanzsystem, zu Menschen, die damit keinen Unsinn anstellen.

Ihr könnt mich persönlich fragen, bei wem ich war 🙂