Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Selbstkontrolle und Nachhaltigkeit (und Neurodiversität)

In der Bibliothek, immer das gleiche Spiel, das Oszillieren zwischen Selbstdisziplin – interessiertem Flow – Überforderung – Konzentrationslücke – Ablenkung – Impulskontrolle. Ertappt werden beim Spielen eines Spiels, bei dem man RNA-Basen austauschen muss, hoffen, dass der Bibliothekar das für „Lernen“ hält, wobei es im Grunde auch egal ist.

Ich war so glücklich heute, nach dem ich Lebensmittel eingekauft habe, was absolut ungewöhnlich ist. Weil das so ungewöhnlich ist, habe ich mir überlegt, ob ich dem Unverpacktladen einen Brief senden soll: Danke, ihr habt meine schrecklichen Gewissensbisse beim Einkaufen geheilt! – Einen Brief, der ähnlich formuliert ist, wie der von einer Patientin an ihren Arzt (ja, ich bedanke mich auch hin und wieder bei meinem Arzt, weil er einfach cool ist).
Warum war ich glücklich? Nun, ich hatte das Gefühl, Gutes zu tun. Es war ein Einkauf völlig ohne Plastik und ich habe etwas übertrieben tolles entdeckt: Hafermilch in Pfandflaschen! Das löst so ziemlich das wie-bekomme-ich-vegane-Milch-unverpackt-Problem. Ja, für manche Leute ist das ein reales Problem!

Was haben diese beiden Momente gemeinsam? Sie haben etwas mit Selbstkontrolle zu tun. Dazu muss man wissen, dass der Unverpacktladen nicht in meiner Nähe ist und ich immer einen ziemlichen Umweg dorthin fahren muss. Schwer bepackt mit Zeug bin ich dann in die Bibliothek gefahren. Einkaufen ist voll anstrengend!
Theorien für die Entwicklungspsychologie-Prüfung zu lernen ist auch voll anstrengend, es ist nämlich einfach nicht meins. Hin und wieder ödet es mich an, was mir im Studium echt selten passiert. Ich bin zuletzt auf die Neurodiversitäts-Seite des Themas Selbstkontrolle aufmerksam geworden und habe bemerkt, dass sich das Thema (Selbstregulation, Selbstdisziplin, wie auch immer) wie ein roter Faden durch die Themen zieht, die mir wichtig sind. Darum behandle ich sie hier einfach mal gleichzeitig. Denn anders sein zu wollen, als ich bin, ist gleichermaßen anstrengend, wie meinen hohem Standard an Nachhaltigkeit gerecht zu werden.

Manchmal bin ich mit meiner Persönlichkeit unzufrieden, strebe nach Selbstoptimierung. Ich würde gerne so zuverlässig und ordentlich sein wie andere, würde auch gerne so gut für meine Freunde da sein, statt ihren Geburtstag und die Namen ihrer Exfreunde und Urlaubsziele und whatever einfach ständig zu vergessen (sodass ich schon von Tabellen für jede meiner Freunde fantasiere, die ich ständig um neue Informationen ergänze). Ich fantasiere von disziplinierten Morgenroutinen und bin enttäuscht, wenn ich doch wieder unmotiviert aufwache und mir daraufhin die „List of Pokémon“ auf Wikipedia durchlese.

Selbstkontrolle kann glücklich machen, wenn ich mich Tag überwinde, nicht die plastikverpackte Schokolade zu kaufen und mit meinem eigenen Becher etwas weiter zu spatzieren für Kaffee, statt mir einen Einwegbecher zu holen.
Selbstkontrolle kann glücklich machen, wenn ich meine Küchenschränke sauber wische, obwohl ich keine Gäste erwarte (ähem, ja), oder endlich mal meine sich stapelnden Pfandflaschen wegbringen würde (Konjunktiv!).

Aber zunächst noch einmal zur Nachhaltigkeit („zunächst einmal“ ist ein Scherz, es geht jetzt nurnoch darum, hehe, sorry, sonst wird der Text zu lang). Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was umweltschonendes Verhalten mit Selbstkontrolle zu tun hat? In einer idealen Welt gäbe es da gar keinen Zusammenhang. Aber leider ist umweltschädigendes Verhalten oft leichter und manchmal geradezu der „Default-Modus“. Man muss zum Beispiel explizit dazusagen, dass man vegane Milch in den Kaffee haben möchte. Man muss aktiv die Verwandtschaft überreden, dass man nichts Materielles zu Weihnachten braucht. Man muss sich aktiv für eine ökologische Bank oder Versicherung entscheiden, weil einem das selten als erstes über den Weg läuft. Ganz zu schweigen von dem, was für manch einen das alleinige gruselige Merkmal umweltschützenden Verhaltens ist: Verzicht – klar, auch das tut man manchmal, obwohl ich es mir und anderen gerne schönrede. Fliegen wäre einfacher, aber ich reise lieber zwei Tage mit Bus und Bahn nach Litauen. Beide Arten zu Reisen haben Vor- und Nachteile, aber im Grunde kann man schon „Verzicht“ dazu sagen, obwohl für mich persönlich schon ein (immaterieller) Nettonutzen herauskommt (sonst würde ich es nicht machen).

Was Umweltpsychologen immer mal betonen, ist, dass Selbstkontrolle eher ein begrenztes Gut ist.

Das Handbuch Psychologie im Umweltschutz sagt dazu:

„Aus psychologischer Sicht sollten wir mit der abverlangten Selbstregulation sparsam umgehen. Wir können sie uns wie eine Batterie vorstellen, die irgendwann leer ist und durch eine Pause wieder aufgeladen werden muss. […] Denn Selbstregulation ist kein Zustand, in dem Menschen sich über längere Zeit aufhalten wollen. Es ist deshalb sinnvoll, Leidenschaften und Talente […], die keine Selbstregulation abverlangen, in einen nachhaltigen Lebensstilwandel einzubeziehen.“

Inspiriert wurde diese Passage auch von dem wunderbaren Buch „Psychology for a Better World“ von Niki Harré. Auf Seite 38 geht die Autorin auf „willpower“, also Willenskraft ein, und beschreibt sie als das Gegenteil von Flow. Flow wird genau von diesen Leidenschaften und Talenten hervorgerufen, für die man eben keinerlei Willenskraft braucht. Ich finde das plausibel, denn ob man mich vor ein Entwicklungspsychologiebuch oder ein Buch über klinische oder Biopsychologie setzt, macht in Punkto einzusetzender Willenskraft einen riesigen Unterschied (ja, ich bin ein Nerd, der gerne Lehrbücher liest)!

Ich finde das Phänomen interessant: Warum ist Willenskraft endlich? Was macht es so anstrengend, und was bedeutet „anstrengend“ für unser Gehirn, wenn es doch kein Muskel ist?

Sie zitiert auch eine Studie von Vohs&Faber (2007). Sie stellen in ihrem Artikel drei Experimente vor, wobei es jeweils um impulsives Kaufverhalten geht. In Experiment 3 bekamen die Proband*innen gesagt, sie würden an zwei verschiedenen Experimenten teilnehmen: Eines zum Verhalten am Arbeitsplatz und eines zum Einkaufsverhalten. Das war nur eine Cover-Story wie so oft, aber Fun Fact: In vielen psychologischen Experimenten geht es um das, was einem gesagt wird! Hier sollte es jedenfalls angeblich darum gehen, Situationen im Beruf zu untersuchen, in denen man etwas vortragen muss. Die Proband*innen bekamen langweilige Biografien von Wissenschaftlern vorgelegt, die sie vorlesen mussten, für sechs Minuten und vor laufender Kamera. Eine Gruppe sollte dabei sehr enthusiastisch sein und eine begeisterte Mimik und Gestik an den Tag legen. Beide Gruppen bekamen danach $10, die sie entweder behalten oder für eines von acht Lebensmitteln ausgeben wollten, die ihnen präsentiert wurden. Die experimentelle Bedingung mit dem gezwungen enthusiastischen Vorlesen wurde als schwieriger empfunden und führte auch zu mehr „Impulskäufen“ – Proband*innen aus dieser Gruppe kauften im Durchschnitt drei Dinge mehr. Besonders stark war der Effekt bei Proband*innen, die eh schon einen hohen Wert auf der „Buying Impulsiveness Scale“ hatten. Ich finde die Studie sehr schön mit der Intuition vereinbar – man muss allerdings bedenken, dass die Stichprobengröße (N=40) hier sehr klein war. In den anderen beiden Experimenten mit größeren Stichproben ließen sich allerdings ganz ähnliche Effekte finden, die, vereinfacht gesprochen, nahelegen, dass man ein größeres Bedürfnis nach Konsum hat, wenn die Selbstkontrolle erschöpft ist. Frust-Shopping, könnte man sagen.

Menschen neigen dazu, Ergebnisse psychologischer Studien überzuinterpretieren und alles mögliche daraus abzuleiten, was die Daten eigentlich nicht hergeben. Deshalb ist es eigentlich ein bisschen unsinnig, zu sagen, „Psychologen haben bewiesen dass, blub, Kapitalismus und so“. Aber natürlich finde ich es sehr verlockend, Studien wie diese mit dem Suffizienzgedanken zu verbinden – oder mich gar zu fragen, warum ich nach Prüfungen so hart Lust auf übelst teuren veganen Chai Latte habe.

Ich frage mich desweiteren eine Menge anderer Dinge: Was können wir uns gönnen, wenn unsere Selbstregulations-Batterie leer ist, was aber eher umweltschonend ist?

Gibt es Dinge, die wir uns von Leuten wünschen zu tun, die deren Selbstregulations-Batterie über die Gebühr erschöpfen?

(Ich traue mich mal, auf die Kommentarfunktion dieser Website aufmerksam zu machen, ich würde mich schon freuen, wenn du deinen Senf dazugibst :D).

Was sind denn jetzt Dinge, die keine Selbstregulation verlangen? Das ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Ich zum Beispiel kann morgendliche Routinetätigkeiten wie Zähneputzen und Duschen nicht leiden. Davor drücke ich mich extrem. Ich mag es auch nicht, angefangene Projekte fortzuführen, liebe es aber, Projekte anzufangen (klassisches ADS-Problem). Ich habe einen Haufen Ideen, bin aber kein Organisationstalent. Andere wollen Global Change Management studieren, weil sie so gerne managen.

In vielen Ansätzen umweltpsychologischer Intervention geht es darum, Verhalten einfacher zu machen, sodass es weniger Selbstkontrolle bedarf. Nudging ist auch so eine Sache. Ja, wenn ich so darüber nachdenke, geht es in so ziemlich jedem Bereich darum. Ein umfassendes Prinzip! Auch sozialen Normen zu folgen, erfordert weniger Selbstkontrolle, als sich diesen aktiv entgegenzustellen und sich einen eigenen Weg auszudenken. Außer, man ist Exzentriker, vielleicht.

Manchmal stöhne ich regelrecht innerlich auf, wenn ich mich mit einer Sache konfrontiert sehe, die absehbar Selbstkontrolle erfordern wird. Man soll regelmäßig seine Fahrradkette fetten? Ähhh, da habe ich keine Lust drauf!
Ich frage mich, wie wir in genau diesem Moment (genau diesem Moment, wenn wir eine sinnvolle Verhaltensweise vorgestellt bekommen, die uns aber zu anstrengend erscheint) unsere Bewertung doch so umlenken können, dass es uns einfacher scheint, das zu tun, sodass wir es dann eher tun.

Mir persönlich helfen da Routinen und das Getting-Things-Done-Prinzip, oder auch, Dinge mit anderen zu tun. Wenn ich zum Beispiel vegane Brotaufstriche zu machen lernen möchte, was ist dann am wenigsten anstrengend? Einen Workshop von Greenpeace zu dem Thema zu besuchen, zum Beispiel – dann erfahre ich es gleich selbst und muss keine Rezepte raussuchen und mir groß Gedanken machen. Oder was, wenn ich es hasse, zu gärtnern und zu schüchtern bin, um auf dem Markt einzukaufen, aber regionale, ökologische Landwirtschaft unterstützen möchte? Eventuell kann ich mir dann eine Kiste von der SoLaWi liefern lassen.

Das Problem bei der Umweltpsychologie ist, finde ich, dass jeder „nachhaltige“ Lebensentwurf ganz individuell gestaltet werden muss. Es gibt kein Universalrezept, das auf alle Vorlieben, Stärken und Schwächen, räumlichen Gegebenheiten, Einkaufsangebote, Kulturen, körperlichen Konstitutionen… usw. gleichermaßen passt. Ein bisschen wie in der kognitiven Verhaltenstherapie. Man bräuchte so ne Art Umweltschutz-Therapeuten, der mit einem den eigenen Lebensstil und die umweltbezogenen Bewertungen und Ängste, die man so hat, beleuchtet, der sich aber auch mit dem Angebot an Ökostromversorgern auskennt. Das kommt auf meine Liste „so würde meine persönliche Utopie aussehen“…

Lange Liste.

1 Kommentar

  1. Melinda K.

    In der Mitte der Lektüre wird der Leser freundlich genudged, doch einen Kommentar zu hinterlassen.
    Was hiermit gerade passiert, also war diese Aufforderung in meinem Fall erfolgreich.
    Den Kommentar zu schreiben, fällt mir aber schwer, weil er nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus entsteht, sondern (der wissenschaftlich denkende Nerd wird hier keinen vorwurfsvoll nörgelnden Ton heraushören) aus einer gewissen Folgsamkeit bzw. Wohlwollen der Sache gegenüber heraus.
    Und ich kann nur berichten, dass mir bei der für die Durchführung dieser Aufgabe nötigen Selbstkontrolle die Tatsache hilft, dass es mir mittlerweile so vorkommt, zum Thema beigetragen zu haben.

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