Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Die Pandemie als Fenster, um Gewohnheiten zu ändern

All goes digital. Gretas präferierte Strategie zum Umgang mit Zuhausebleiben ist Tagebuch schreiben. Ich mag das auch gerne, es sortiert den Kopf so angenehm – aber manchmal fehlt mir die Geduld, das ohne Tastatur zu tun. Der moderne Mensch bloggt und liest Wikipedia-Artikel über human-computer interaction.

Der Wind bewegt die Äste der Birke vor meinem Fenster.
Gestern, am Telefon, sie sagte mir, es sei eine historische Zeit, ich würde später jungen Menschen davon erzählen, damals, 2020, Corona und so. Ich habe keine Lust darauf, dass das das historische Ereignis ist dieses Jahr. Historische Ereignisse stelle ich mir eher so vor, dass Menschen etwas Großartiges schaffen. Klimaschutz und so.

Ich weiß noch, wie ich, als ich in einem geowissenschaftlichen Institut ein Praktikum gemacht habe, dem Gespräch zwischen Wissenschaftler*innen zugehört habe. Es ging darum, dass Hacker sich Zugang ins Instituts-Netz verschafft hatten. Das erstaunte die eine Wissenschaftlerin, und sie sagte: „Wir sind doch die schönen Künste, wer will uns denn was?“.

Jahre später fiel mir dieser Kommentar wieder ein. Ich sinnierte gerade darüber nach, ob es Dinge auf der Welt gibt, die nicht politisch sind. Irgendwann fiel mir dieser Satz wieder ein: Die schönen Künste. Wissenschaft und Kunst.
Nun kann man das aber so oder so sehen. Scientists for Future finde ich cool und ich will sie nicht missen. Machen sie einen Fehler, weil sie sich in die Politik einmischen, die Neutralität der Wissenschaft verlassen? Wo ist das überhaupt festgelegt mit der Neutralität der Wissenschaft? Ist das ein Konsens wie alpha=0.05 oder einfach eine implizite soziale Norm?
Kann man Wissenschaft in dem Punkt überhaupt einheitlich betrachten? Verschiedene Wissenschaften sind so unterschiedlich! Welchen Sinn ergäbe eine Disziplin wie Umweltpsychologie, wenn ihre Erkenntnisse nicht politisch umgesetzt würden? Ist das der Unterschied zwischen angewandter und Grundlagenforschung?

Ein historisches Ereignis. Für viele ein kritisches Lebensereignis. In der Psychologie nennt man das so, wenn einem Dinge passieren, an die man sich ziemlich stark anpassen muss – Einschulung, Hochzeit, Berufs- und Wohnortwechsel, Pandemien… Es können positiv oder negativ bewertete Ereignisse sein, sie erfordern aber in der Regel ein Einüben neuer – mentaler oder verhaltensmäßiger – Gewohnheiten.

Darin liegt eine Gelegenheit! Gewohnheiten sind ziemlich hartnäckig, wenn die äußeren Umstände die gleichen bleiben, denn das ist es, was eine Gewohnheit ausmacht – die Kontrolle über das Verhalten verschiebt sich von bewusster Entscheidung hin zu dem Abrufen von Sequenzen aufgrund von Umweltreizen. Heute habe ich mal wieder eine umweltpsychologische Studie dazu ausgegraben (Verplanken & Roy, 2016). Sie zitieren zunächst zwei Studien, in denen sich die Umweltbedingungen für bestimmte Menschen plötzlich änderten – einmal durch temporäre Sperrung einer Autobahn (Fujii & Gärling, 2002), oder durch einen Umzug. In beiden Fällen verhielten sich die Menschen nach diesem Wechsel der Umstände etwas umweltfreundlicher. Leute, die durch die Sperrung mehr ÖPNV nutzten, nutzten diesen auch ein Jahr nach der Sperrung noch etwas häufiger als davor (woran man sieht, dass nicht nur kritische Lebensereignisse, sondern auch profane Baustellen für diesen Effekt genügen). Als Leuten, die gerade umgezogen sind, kostenlose ÖPNV-Tickets und Informationen zum ÖPNV-Angebot gegeben wurde, nutzten sie diesen mehr, als andere, die auch umgezogen sind, bei denen es aber keine solche Intervention gab (Bamberg, 2006).

Verhaltensänderung ist schwer genug – aber vermutlich viel einfacher in dem kleinen Zeitfenster, wenn sich Dinge im Leben verändern und man sowieso manch alte Gewohnheit loslassen muss! Das lässt sich vielleicht sogar ganz gezielt nutzen – in diesem Zeitfenster, in dem alte Gewohnheiten gebrochen wurden und Neue noch gefunden werden. Das alles besagt die „habit discontinuation theory“ – man ist dann sozusagen in der richtigen Stimmung für Veränderung. Denn oft ist das „Umweltbewusstsein“ an sich nicht das, woran es mangelt; es sind die konkreten Implementationsabsichten, das, was in Verhaltenssequenzen umgesetzt wird. Gewohnheiten können eine Barriere sein! Denn Verhaltensänderung ist anstrengend. Ein bisschen so wie der Frühjahrsputz: So aus dem Nichts fängt man ihn vielleicht nicht an, aber wenn man sowieso ein Hochbett für das Kind baut und alles im Zimmer umräumt, kann man auch gleich mal eine Grundreinigung machen… (ich hoffe das ist ein halbwegs passender Vergleich). Das ist doch vielleicht ganz ähnlich wie „ich muss mich eh an nen neuen Supermarkt (in der neuen Stadt) gewöhnen, dann kann ich auch gleich auf vegane Produkte umsteigen. So stelle ich mir das vor.

Die Studie, die ich gerade lese (während ich ziemlich müde bin und deshalb hoffe, dass mein Geschreibsel Sinn macht), will genauer untersuchen, inwiefern man den Effekt aufs Verhalten nun auf die Intervention oder auf das kritische Lebensereignis zurückführen kann. Bei der Studie von Bamberg gab es schließlich keine Kontrollgruppe, die nicht umgezogen ist, aber die Intervention erhielt. In der Verplanken&Roy-Studie gab es so eine Kontrollgruppe; die Intervention waren keine kostenlosen Tickets, sondern ein umweltbezogenes personalisiertes Interview, ein Newsletter und hilfreiche Werkzeuge, um sich umweltschonender zu verhalten (z.B. ein shower timer, um kürzer zu duschen). Es zeigte sich eine Interaktion zwischen dem Faktor Umzug und dem Faktor Intervention. Das bedeutet, die Intervention wirkt positiv für beide Gruppen, aber noch ein bisschen besser, wenn die Leute umgezogen sind (und somit anscheinend eher in der Stimmung waren, gleich mal neue Gewohnheiten zu entwickeln). Das unterstützt die habit discontinuation hypothesis.

In Bezug auf Umzüge hält dieses Zeitfenster, in dem man besonders leicht neue (umweltschonende) Gewohnheiten annimmt, etwa drei Monate.

Wie ist es wohl in der Pandemie? Menschen ändern ihr Verhalten und nehmen neue Gewohnheiten an (wenn auch nicht immer bewusst). Es müssen neue Verhaltensskripte gefunden werden. Wie lerne ich, wenn die Bibliothek zu hat? Wie mache ich Sport ohne Sportkurs? Wie bleibe ich mit Freunden in Kontakt? Ich bin in dieser Situation echt privilegiert – mir entstehen fast keine Nachteile, auch den Studentenjob kann ich quasi genauso fortführen. Andere haben eine krassere Anpassungsleistung vor sich. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich viele auch denken, okay, jetzt ist die Gelegenheit, mal ganz bewusst eine neue Gewohnheit zu etablieren. Sich an den Bärlauch-See setzen. Fahrrad fahren. Meditieren. Gründlich Hände waschen. Gitarre üben.

Bleibt nur die Frage, um welches Umweltverhalten es genau gehen könnte. Wenn man gerade viel Zeit hat, hat man vielleicht sogar den Nerv, sich an Verhaltensweisen zu wagen, die einmalig sind und eine große Wirkung haben – Stromanbieter wechseln, Bank wechseln… aber auch Ausprobieren geht jetzt gut, z.B. wenn es um vegan und Selbermachen geht.

Die Umweltpsycholog*innen, so viel weiß ich, sind fleißig am überlegen…

Ausführungen zur Wichtigkeit von self-care (und anderer care) erspare ich mir hier, weil bestimmt jemand anders schon was dazu sagte, aber man sollte eh immer im Kopf haben, dass alles, was die eigene mentale Gesundheit kostet, leider zu teuer ist. Auch wenn man es gerne hätte – no thanks.
Insofern, fühlt euch umarmt.

1 Kommentar

  1. Melinda

    Interessant. Es wird bestimmt unglaublich viele statistische Daten geben, die jemand in dieser Hinsicht auswerten kann und wird.
    Müsste man nicht jetzt gleichzeitig das Umweltbewusstsein besonders stärken? Ob das z. B. in China geschehen ist, die Luft soll ja viel besser geworden sein, es wäre bestimmt wichtig, dass die Leute diese Dinge lautstark verbalisieren, sich freuen, es so behalten wollen …

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