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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Kategorie: Fiktion (Seite 1 von 2)

Ad Absurdum III: Das Fehlen von Nähe

Zur Vorgeschichte siehe hier und hier.

Die Nähe wollte sich nicht einstellen.
Julai saß auf einer Platane und streichelte die Rinde des Baumes. Sie fand, dass der Baum mehr lebte als das Bild von Lian, das die in ihrem Kopf hatte, oder das Gefühl ihm gegenüber, oder die Hand, mit der sie den Baum streichelte. Der Baum hat es gut, dachte sie. Sie würde gerne Zucker aus Wasser, Licht und CO2 machen, aber das war nicht der Punkt; der Baum hatte kein Gehirn, und Julai fand das Konzept Gehirn zwar genial, aber doch sehr störanfällig und instabil.

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Ad absurdum II: Sentient

Zur Vorgeschichte geht es hier.

Sehen beinhaltet mehr als die Augen.
Julai vermisste ihre Kindheit. Es hatte nach Kiefernnadeln gerochen in ihrer Kindheit.
Irgendwoher stülpte sich das Bild eines Hauses über sie. Ein Haus umgeben von Kiefernnadeln. An einem See. Dunkel. Klein. Weltsicht.
Vielleicht hatte sie das geträumt? Oder es war eine Erinnerung aus ihrer Kindheit, so tief vergraben in der Rumpelkammer ihrer Erinnerung wie fünfzig Jahre alte Kronkorken am Strand? Sie konnte den Unterschied nicht feststellen, noch nicht einmal ansatzweise. Julai besaß keine Kontrolle über ihr Gedächtnis. Alles zersetzte sich einfach, wie Plastiktüten sich im Meer zersetzen, bis die kleinen Teile nicht mehr zu sehen sind. Das machte ihr erstaunlich wenig aus.

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Ad absurdum

Julai saß auf dem Stuhl und starrte an Dr. Winter vorbei auf die Vorhänge. Ein Teil von ihr versuchte, das Muster auf den Vorhängen von ihrem natürlichen Chaos in eine geordnete Struktur überzuführen. Geistig. Es waren Strichzeichnungen stilisierter Äste mit Blättern daran; die Astdicke war durchaus biologisch unsinnig und ebenso die Blattaderung. Der Stoff des Vorhangs bildete Wülste und Furchen; am Gehirn würde man das Gyri und Sulci nennen. Nur dass der Vorhang keine Gene besaß, die seine Wülste und Furchen an Ort und Stelle beließen. Weiterlesen

Es ist Psychologie!

Julai wurde von griechischen Buchstaben verfolgt. Sie machten alle Sinn.

Aber das Ψ [Psi], wie soll man sagen, war am hartnäckigsten. Eines Tages bekleidete sie sich mit ihrer Lieblingsjacke, einer schwarzen, die sie für zehn Euro im Second-Hand-Laden gekauft hatte. Da sah sie sich die superpraktischen, großen Taschen der Jacke an und dachte: Das Ψ würde sich darauf hervorragend machen. Und so malte die ein Ψ auf ein Stück Stoff und nähte es an ihre Jacke. Damit lief sie umher, und fühlte sich großartig und unangenehm exzentrisch zugleich, so als würde sie sich ihrer selbst schämen, aber irgendwie auch den Kick wollen. Schräger Vogel, diese Julai.

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Allys und das Orakel vom Bonhoefferweg

Allys hatte einen weiten Weg vor sich. Sie hatte es bereits erahnt, bevor er begonnen hatte (Oder hatte sie da gerade Anlauf genommen, bevor sie die Flügel ausspannte, um zu fliegen? Vermutlich).
Auf einer Wiese liegend, war Allys einem Spiel gefolgt. Es ging darum, sich ein Tier vorzustellen. Mit geschlossenen Augen, neben ihr lagen andere Jugendliche im Gras, ließ Allys ihre Gedanken schweifen, und diese waren voll Frieden und Natur. Ihr erschienen Landschaften, und spontan materialisierte sich vor ihrem inneren Auge das Bild einer trockenen Wiese. Irgendwo auf dem flachen Land könnte es sein, in Brandenburg, am Rand war eine Allee zu sehen. Die Pflanzen auf der Wiese, vor allem Gräser, wucherten wie wildes, zerzaustes Haar. Große, üppige, verblichene, magere, Sonne aufnehmende Pflanzen bildeten ein undurchsichtiges Meer, das Allys in seiner Bewegung beobachtete.

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Pizza

Update: Ich krieche, noch etwas schwerfällig, an Land (siehe vorheriger Beitrag). Es ist einigermaßen fantastisch.

Gerade hab ich geträumt, dass es einen etwas verrückten Einsiedler und Food-Experimentalisten gibt, der Pizza backt, indem er Eicheln aus dem Wald zu Mehl verarbeitet. Ich sah ihm dabei zu, wie er die Eicheln aus dem Wald einzeln mit einem Messer halbierte, um sie zu schälen. Der Aufwand war grotesk und vor meinem inneren Auge tauchte unweigerlich eine Palette an Fertig-Tiefkühlpizzen auf und ich konnte nicht anders, als die Wahnsinnsarbeit, die der Typ sich machte, zu belächeln.

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Meeresgrund

Ich machte die Augen auf und fand mich am Meeresgrund wieder.
Wie war ich hierhergekommen?
Du bist schon etwas länger hier, sagte ein vorbeikommender Fisch.
Ach, dachte ich, und Fische können nicht sprechen, vielleicht hab ich das gerade zu mir selbst gesagt. Aber stimmt wohl. Um mich her – sich verlierende Blauschwärze. Unter meinen Füßen beigefarbener Sand. Ich bin schon etwas länger hier.

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Die Heuschrecke

Eines Tages sah ich vor der Heuschrecke ein Haus. Es war ein Schock, denn ich hatte mich daran gewöhnt, dass, wenn ich diesen Weg entlanglief, die Heuschrecke auf der großen blauen Blume am Feld saß und mich ansah.

Es war eine außergewöhnliche Heuschrecke; sie war zwar groß und grün wie die Anderen und hatte genauso grüne, lange Fühler. Aber irgendetwas an ihr schien sie zu einer besonders schönen Heuschrecke zu machen. Vielleicht waren es ihre Beine.

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Hyolluwisix

Sie wurde an der Hand genommen. Es war nicht ihre Hand, die genommen wurde. Zu wem gehört dieser Körper eigentlich? Ich habe einen Körper. Sie kann es nicht fassen. Niemand hat ihr gesagt, dass sie das gefälligst für selbstverständlich nehmen soll.
Sie ist Aktivistin. Heute lag sie in einem Graben. Ihr Fahrrad stand daneben. Und sie konnte sich keinen Fleck rühren.
Wie auch. Es ist Winter. Sie war vor Winters aus der Welt geflohen, die Welt ein Tor zu tausend Wüsten… Und sie rief ihm zu, und es blieb stumm, und sie fing an zu tanzen, und es blieb kalt, und sie stellte Fragen, und blieb ein Narr.
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Petersilie oder was auch immer

Tja, denke ich, die Petersilie sieht auch nicht mehr aus wie neu. Man müsste sie mal gießen. Oder halt, es heißt nicht: Man müsste mal – man macht es einfach. Ich nehme also ein Glas Wasser und gieße die Petersilie. Hm. Eigentlich wollte ich doch etwas anderes machen. Aber was? Na, sei´s drum. Ich nehme mir die Zeitung, die sich auf dem Tisch geradezu anbietet, werfe den Wirtschaftsteil über meine Schulter auf den Boden – das macht Spaß – und lese den Wissenschaftsteil.

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