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Nachhaltigkeit, Neurodiversität, Nonsens

Kategorie: Psychologie (Seite 1 von 2)

Ad absurdum II: Sentient

Zur Vorgeschichte geht es hier.

Sehen beinhaltet mehr als die Augen.
Julai vermisste ihre Kindheit. Es hatte nach Kiefernnadeln gerochen in ihrer Kindheit.
Irgendwoher stülpte sich das Bild eines Hauses über sie. Ein Haus umgeben von Kiefernnadeln. An einem See. Dunkel. Klein. Weltsicht.
Vielleicht hatte sie das geträumt? Oder es war eine Erinnerung aus ihrer Kindheit, so tief vergraben in der Rumpelkammer ihrer Erinnerung wie fünfzig Jahre alte Kronkorken am Strand? Sie konnte den Unterschied nicht feststellen, noch nicht einmal ansatzweise. Julai besaß keine Kontrolle über ihr Gedächtnis. Alles zersetzte sich einfach, wie Plastiktüten sich im Meer zersetzen, bis die kleinen Teile nicht mehr zu sehen sind. Das machte ihr erstaunlich wenig aus.

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Alexithymie, die seltsame Gefühlsblindheit

Alexithymie heißt „die Unfähigkeit, Gefühle zu lesen“. Gefühlsblindheit. Ich habe da schon verschiedene Definitionen gelesen und bringe hier meine Persönliche ein. Für mich heißt Alexithymie, dass ich oft nicht weiß, wie es mir geht, was ich fühle, warum ich etwas fühle, wie ich mein eigenes Verhalten interpretieren soll. Es ist wie eine eingeschränkte Theory of Mind mir selbst gegenüber. Ich kann die primäre Emotion, wenn ich mir Mühe gebe, ganz gut benennen. Also kann ich meistens unterscheiden, ob ich fröhlich, traurig, ängstlich oder niedergeschlagen bin, oder ob ich mich ärgere, Zuneigung oder Aversion empfinde. Dabei hilft mir der Gefühlsstern aus der kognitiven Verhaltenstherapie enorm (habe ich mir selbst angeeignet). Es dauert oft eine Weile, aber ich komme doch recht zielsicher per Ausschlussprinzip auf das Gefühl, weil es gewisse Regeln gibt, denen ich dabei folgen kann, bestimmte Fragen, die ich stellen kann. Gefühle erkennen nach Lehrbuch. Weiterlesen

Mein (mentaler) Ringkampf mit dem Diagnostiksystem

Ich steige in den Ring. Das Diagnostiksystem steht mir gegenüber, massiv und glänzend; es hat sich über und über mit Öl eingerieben. Das hat es klug gemacht; als ich es mit einem Sprung zu fassen bekomme, schwabbelt es mir durch die Hände und grinst hämisch.

Es ist stärker als ich. Es wirft mit F84.1 nach mir. Ich sehe den Angriff kommen und nehme ein riesiges Paper von Waterhouse et al.1, mit dem ich ihm heftig eins überwische. Das Diagnostiksystem taumelt und ich nutze seinen verwirrten Moment. Weiterlesen

Das Urmensch-Spiel

Lieblingsmensch mit 50% DNA-Übereinstimmung (exklusive Epigenetik und Transposone) und ich: Wir spielen gerne. Wir haben auch einen Hang zum Absurden, den ich über alles liebe. Die meisten Menschen denken so effizienzbasiert und geradlinig! Ich manchmal nicht – und das hat sogar was mit meinem Gehirn zu tun (Denken?? Mit dem Gehirn?? Woah!). Weiterlesen

AD(H)S – meine seltsamen und hilfreichen Strategien

AD(H)Sler sind kreativ. Manche sind sogar zu kreativ. Aber immerhin: ich denke mir nicht nur gerne seltsames Zeug aus, manchmal nützt es sogar was.
Ich möchte meine Strategien teilen, auch wenn sie vielleicht seltsam sind oder nur mir nützen oder was auch immer. Auch Medikamente beseitigen nicht alle AD(H)S-Symptome und solche Listen (ich mag Listen!) von Strategien, insbesondere für Erwachsene, fand ich bisher nicht unbedingt. Vive la Neurodiversity! Weiterlesen

Ad absurdum

Julai saß auf dem Stuhl und starrte an Dr. Winter vorbei auf die Vorhänge. Ein Teil von ihr versuchte, das Muster auf den Vorhängen von ihrem natürlichen Chaos in eine geordnete Struktur überzuführen. Geistig. Es waren Strichzeichnungen stilisierter Äste mit Blättern daran; die Astdicke war durchaus biologisch unsinnig und ebenso die Blattaderung. Der Stoff des Vorhangs bildete Wülste und Furchen; am Gehirn würde man das Gyri und Sulci nennen. Nur dass der Vorhang keine Gene besaß, die seine Wülste und Furchen an Ort und Stelle beließen. Weiterlesen

Die Inklusivität nachhaltigen Handelns

Es gibt eine Reihe nicht-neurotypischer Menschen: AD(H)Sler, Autist*innen, Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Problemen der sensorischen Verarbeitung, Menschen, die auf tägliche Routinen angewiesen sind. Mal so ganz ungefähr.
Ich war etwa fünf Jahre in verschiedenen Greenpeace-Gruppen aktiv und habe bemerkt, dass es in diesen Gruppen überproportional viele solcher nicht-neurotypischen Menschen gibt. Oder naja, ich habe nicht nachgezählt, ob es signifikant ist.

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Kant und das Wrong Planet Syndrome

Es heißt ja „Wrong Planet Syndrome“. Das ist kein Witz. Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich mich nicht über das Mensch-Sein wundere. Heute zum Beispiel: Wenn unsere Wahrnehmung alles konstruiere, was konstruierte dann uns? Oder kann das Konstruierende sich selbst konstruieren? Denn, soweit ich den mathematischen Beweis als gültig betrachte, enthalten alle Theorien Voraussetzungen, die nicht durch sie selbst erklärt werden können. Und die brennende Frage: Warum, um alles in der Welt, wundert sich keiner darüber? Aber gut. Mensch sieht: Wrong-Planet-Empfindungen mögen ein fruchtbarer Boden für gute Philosoph*innen sein.

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„Als wäre ich nicht ganz da“ – Depersonalisation und was dagegen hilft

Wie genau sich das Depersonalisations/Derealisationssyndrom anfühlt, habe ich hier bereits beschrieben. Zusammengefasst: Es ist ein, nun ja, faszinierender Zustand, aber wirklich sehr, sehr unangenehm. Keiner merkt es einem an, wenn um einen herum die Welt zusehens irreal wird. Innendrin tobt aber ein Chaos aus Angst: Werde ich verrückt? Was ist los mit mir? Hört das je wieder auf? Träume ich? Mache ich gleich etwas komplett Verrücktes, weil ich nicht ganz bei Bewusstsein bin?

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Ausflug ins Paralleluniversum? – Über Dissoziation

Lebhafte Träume. Lebhafte Realität. Leben. Wir haben 86 Milliarden Nervenzellen im Kopf. Fast so viele, wie die Milchstraße Sterne hat.

Was ist Traum, was ist real?
Das frage ich mich manchmal, wenn sich eine Phase der Depersonalisation-Derealisation anbahnt. Das ist so ein umständlicher Begriff, jedenfalls fällt es im Katalog psychischer Besonderheiten unter die Kategorie Dissoziation. In der Chemie ist das wohl so ein Vorgang, bei dem sich chemische Verbindungen in mehrere Moleküle oder Atome teilen. Wenn das im Kopf passiert, heißt das, dass Identität, Wahrnehmung, Bewusstsein irgendwie auseinanderfallen.

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